Das Neueste: Am 16. Novem­ber sprachen wir über den Tod im Zeit­alter der Digita­li­sie­rung bei Micro­soft in München (im Rah­men der Veran­stal­tung »Digina 17«).

Wir führen aktuell eine Online-Umfrage zu Ihren Meinungen gegenüber Sterben, Tod und Trauer durch! (Natürlich vollkommen anonym.)

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Letztes Update dieser Seite:

17. November 2017

Buchvorstellungen

 

Unregelmäßig re­zen­sie­ren wir Neu­er­schei­nun­gen im The­men­be­reich Tod/­Sterben/­Trauer/­Be­stat­tungs­kul­tur. Hier fin­den Sie künf­tig Hin­weise auf diese Be­sprechun­gen bzw. eigens für die Homepage angefertige Rezensionen (siehe unten)!

 

Wenn der beste Freund geht. (Karin Bomke, 2015) Re­zen­siert von Matt­hias Meitz­ler

 

Ster­be­wel­ten. Eine Ethno­gra­phie. (Hg. von Mar­tin W. Schnell, Wer­ner Schnei­der und Ha­rald Kol­be, 2014) Re­zen­siert von Thor­sten Ben­kel

 

Who wants to live for­ever? Post­mo­der­ne For­men des Wei­ter­wir­kens nach dem Tod. (Hg. von Dominik Groß, Brigitte Tag und Christoph Schweikardt, 2013)  Re­zen­siert von Matt­hias Meitz­ler

 

Memo­rial­kul­tur im Fuß­ball­sport. Me­dien, Ri­tua­le und Prak­ti­ken des Er­in­nerns, Ge­den­kens und Ver­ges­sens. (Hg. von Mark­wart Her­zog, 2011)  Re­zen­siert von Matt­hias Meitz­ler

BUCHBESPRECHUNG

 

Michael Schetsche / Renate-Berenike Schmidt (Hg., 2016):
Rausch – Trance – Ekstase. Zur Kultur psychischer Ausnahmezustände.

Bielefeld: Transcript.

 

Seit jeher und in allen Kulturen haben Menschen es verstanden, sich auf unterschiedlichen Wegen in rauschhafte Bewusstseinszustände zu versetzten. Rausch mitsamt seiner (un-)intendierten Folge-erscheinungen ist damit fester Bestandteil des sozialen Lebens. Wer sich im Rausch befindet, der verlässt für einen unbestimmten, aber begrenzten Zeitraum die gewohnten Bahnen seines Alltags. Was berauschend wirkt (eine Substanz, ein Gedanke, eine Berührung, ein Ritual oder etwas gänzlich anderes) und wie Rausch subjektiv erlebt bzw. kulturell gedeutet wird (z.B. als Lifestyle, Optimierung, Selbstreinigung, Heilung, Inspiration, Entspannung, Spiritualität, Besessenheit, Risiko, Irritation, Störung, Gefahr, Leichtsinn, Krankheit, Kriminalität, Stigma usf.), hängt von unterschiedlichen Aspekten ab. 

Ob vorsätzliche Herbeiführung oder unerwartetes Widerfahrnis, ob legitimes oder illegitimes Lebensweltelement, ob singuläres Abenteuer oder regelmäßige Alltagsflucht, ob individuelle oder kollektive Erfahrung: Rausch lässt sich nicht losgelöst von normativen Ordnungen denken. Das gilt nicht zuletzt für die Moderne, die sich gemeinhin durch eine Zunahme von Selbstkontrolle und der Sanktionierung ihres Verlustes auszeichnet. Wer vom Rausch spricht, der verweist damit implizit auch auf die Vorstellung von Normalität und Moral, was zeigt, dass man es hier nicht lediglich mit einem körperlichen bzw. emotionalen Ausnahmezustand zu tun hat, sondern auch und vor allem mit einem Produkt gesellschaftlicher Transformation.

Die Frage, „wie Individuum und Gesellschaft zu verschiedenen Zeiten und in unterschiedlichen Kontexten mit außergewöhnlichen Bewusstseinszuständen – legitim wie illegitimen – umgegangen sind“ und unter welchen Bedingungen solche Bewusstseinszustände akzeptiert und sanktioniert werden, wird in dem von Michael Schetsche und Renate Berenike Schmidt herausgegebenen Band „Rausch. Trance. Extase“ spannungsreich ausgelotet. Ein flüchtiger Blick in dessen Inhaltsverzeichnis verrät: Während sich ein paar wenige Artikel explizit auch mit Trance und Ekstase befassen, dominieren die Auseinandersetzungen mit den Facetten des Rauschs.

So vielfältig das Phänomen anmutet, so umfangreich fallen die gesellschaftlichen Felder aus, in denen Rausch, aber übrigens auch Zustände der Trance oder der Ekstase relevant sein können: Kunst, Sport, Religion, Wirtschaft, Politik, Medizin, Psychologie, Recht, Massenmedien etc. Wie das Buch deutlich macht, nimmt sich seit geraumer Zeit auch die Wissenschaft des Rausches an und wirft dabei interessante Fragen auf. Aus jeweils unterschiedlicher Perspektive blicken die Beiträger auf diverse Rauschkontexte: z.B. Sexualrausch, Einsatz von Rauschmitteln in Kriegssituationen, Alkoholkonsum in der DDR, (inter-)nationale Drogenpolitik, sowie Rausch im Kontext von Musik, Tanz, Kunst oder Religion. Bei all dem wird auf beeindruckende Weise evident, dass Rausch weit mehr ist, als es medizinische Klassifikationsbemühungen erahnen lassen. Denn erst vor dem Hintergrund zeitgenössischer gesellschaftlicher Diskurse lässt er sich wirklich verstehen. Dem Leser entfaltet sich somit ein weites Panorama. Ferner erhält er Einblicke in historische (Rausch in der griechischen Antike) und interkulturelle (Rausch im Sufi-Islam) Zusammenhänge.

Auf Höhe des aktuellen (kultur-)wissenschaftlichen Standes gelingt dem Sammelband eine multiperspektivische Reflexion dieses umfassenden Feldes. Auf diese Weise bietet er eine anspruchsvolle und zugleich unterhaltsame Reise in die außeralltägliche Welt des außeralltäglichen Bewusstseinszustands. Wer sich dafür interessiert, dem sei diese Lektüre ausdrücklich empfohlen! 

BUCHBESPRECHUNG

 

Reiner Sörries (2016):
Stirbt der Friedhof? Über das Dahinsiechen traditioneller Begräbniskultur.
Frankfurt am Main: Fachhochschulverlag.

 

Der Friedhof der Gegenwart – ein sterbender Patient? So sieht es jedenfalls Reiner Sörries, der ihm mit seinem neuesten Büchlein, so könnte man meinen, die letzte Ölung geben will.

Der Friedhof blickt auf eine jahrhundertealte Kulturgeschichte zurück. Er ist nicht bloß Körperaufbewahrungsstätte, sondern erfüllt weitere Aufgaben, darunter auch gewissermaßen soziale Funktionen. Weil sich die Gesellschaft im permanenten Wandel befindet, haben auch Friedhöfe immer wieder ihr Gesicht verändert. Wer sich für die Besonderheiten einer Kultur interessiert, findet im Friedhof folglich eine wertvolle Erkenntnisquelle.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts zeichnen sich nun aber besonders auffällige Veränderungen auf dem Friedhof (aber auch an anderen Schauplätzen der Sepulkralkultur) ab. Gräber geben mehr über die Lebenswelten der Verstorbenen preis – werden aber auch insgesamt kleiner, nicht zuletzt aufgrund des Siegeszuges der Feuerbestattung. In der Folge wird die ungenutzte Friedhofsfläche größer; Friedhöfe haben dadurch weniger Einnahmen; und die Konkurrenz durch kommerziell geführte Bestattungswälder außerhalb der Friedhofmauern steigt. Auch die Bestattungspflicht auf dem Friedhof ist seit längerem in der Debatte; sie wird früher oder später fallen. Unter ökonomischen Gesichtspunkten steht der Friedhof damit vor großen Herausforderungen; und vielleicht mehr denn je besteht die Notwendigkeit der Intervention durch Innovation.

Gewiss: Je nach Perspektive kann man die Situation des Friedhofs unterschiedlich bewerten und benennen. In dem vorliegenden Buch spricht Sörries von einem „Dahinsiechen“; der Friedhof sei ein Patient, dem letztlich kaum mehr zu helfen ist. Hinter dieser Metapher steckt der Wunsch, das Publikum teilhaben zu lassen an Ergründungen darüber, wie der Friedhof in diese bedrohte Lage gekommen ist und wer die Schuld dafür trägt. Das Durchdeklinieren wird von Sörries konsequent bildersprachlich betrieben: Schuld könnten Altersschwäche, Krankheit, Unfall, Klimaveränderungen, Unachtsamkeit etc. sein.

Der Tonfall ist stellenweise salopp, gleichzeitig auch moralisierend und bewertend. Sörries bedient sich diverser Simplifizierungen, Allgemeinplätze und Pauschalurteile, um seine Position klar zu machen. Das bringt einen durchaus leserfreundlichen Effekt mit sich: Laien, die etwas über die Entwicklung der deutschen Friedhöfe in den letzten 200 Jahren und über die sie verändernden aktuellen Erscheinungen erfahren möchten, haben eine kompakte und bisweilen unterhaltsame Lektüre vor sich.

Aber als wissenschaftliche Publikation ist das Buch schlichtweg nicht ernst zu nehmen, da es weder theoretische Perspektiven entfaltet, noch unter methodologisch kontrollierten Bedingungen mit validen Erkenntnissen aufwartet, noch die empirischen Erkenntnisse aktuell erschienener Studien mitreflektiert. Da hilft auch die spärliche Literaturübersicht im Anhang nicht weiter.   

Dies alles räumt der Autor sogar selbst ein: „Das kleine Buch verzichtet bewusst auf einen wissenschaftlichen Apparat, wie sich das eigentlich für eine seriöse Studie gehört.“ Der freiwillige Verzicht bringt es mit sich, dass Sörries im Wesentlichen auf die anekdotische Evidenz rekurriert, die er aus seiner Zeit (immerhin fast ein Vierteljahrhundert) als Leiter des Museums für Sepulkralkultur in Kassel gewonnen hat.

Die Leitung eines Museums ist eine Sache, die Auseinandersetzung mit dem – nun ja durchaus recherchierbaren – aktuellen Forschungsstand (zu dem eben nicht nur wirtschaftliche Facetten des Friedhofs gehören) eine andere. Hier lässt der schmale Band seine Leser im Stich. Unter diesen Vorzeichen liest er sich wie eine allenfalls feuilletonistisch anmutende Wortmeldung eines über das Wohl des Friedhofes überaus Besorgten, der obendrein um zahlreiche Seitenhiebe gegenüber Fachkollegen und Berufspraktikern aus der Bestattungsbranche nicht verlegen ist. Hier und da darf man den Text mit einem Augenzwinkern rezipieren. Viel Neues erfährt man aber so oder so nicht.

Da ethische Direktiven heute nur mehr sehr bedingt mehrheitsfähig sind, darf das Moralunternehmertum des Autors gerne als persönliche Wortmeldung stehen bleiben. So düster wie Sörries in der Sache allerdings die Zukunft des Friedhofs anvisiert (in zwei von ihm selbst entworfenen ‚Todesanzeigen‘ gibt er ihm noch gut 10 Jahre), ist sie vermutlich nicht – zumindest dann nicht, wenn man die Perspektive ein wenig erweitert. Die Lage des Friedhofs hat sich zwar verändert; er hat sein Monopol verloren und ist nicht mehr der unumstrittene Ort der Trauer. Manch einer braucht ihn nicht und seine Reglementierungen machen ihn für viele unattraktiv. Aber aus all dem kann er lernen. Der Friedhof hat Potenzial, wenn er sich dem Zeitgeist anpasst, und hat dies in verschiedenen Städten durchaus schon unter Beweis gestellt. Die gesellschaftliche Pluralisierung und der Wunsch nach selbstbestimmter Trauer, um nur zwei Punkte zu nennen, müssen von flexiblen Friedhofsverwaltern aktiv aufgegriffen werden. Hinzu kommt: Trotz aller Alternativen, die fraglos zunehmen werden, wird es auch in Zukunft noch diejenigen geben, für die der Friedhof wichtig ist. Ohnehin bleibt abzuwarten, ob sich Konzepte wie Friedwald und Ruheforst langfristig behaupten können und inwiefern sie es schaffen, nicht am Widerspruch zwischen Innovationsgeist und der eigenen Normativität zerrieben zu werden. Zu bedenken ist ohnehin: In Ländern, in denen es keine Friedhofspflicht gibt, ist der Friedhof bislang auch noch nicht ausgestorben, sondern fungiert, soweit zu sehen ist, nach wie vor als zentrale Anlaufstelle für Bestattung, Trauer und Erinnerung.

Insgesamt bleibt Sörries‘ Position ambivalent und undurchsichtig. Er will, wie er schreibt, mit seinem Buch keine Rettungsvorschläge unterbreiten, da diese ohnehin zu spät kämen. Andererseits sei der Friedhof möglicherweise doch noch nicht ganz verloren und könne, welche Überraschung, sogar Selbstheilungskräfte entfalten. Wenn es also tatsächlich Aussicht auf Heilung gibt, bräuchte man dem Patienten doch nicht eine solch niederschmetternde Diagnose zu stellen. Selbst die titelgebende Frage, ob der Friedhof nun stirbt oder nicht, wird somit nicht wirklich beantwortet.

Wollte man dem Vorbild des Autors folgen und sich einer gewissen Polemik nicht verwehren, so kann man nach der Lektüre durchaus zu dem Schluss kommen, dass nicht der Friedhof ein Patient ist, sondern dieses Buch – und man möchte ihm angesichts der Länge der Krankenakte am liebsten gleich den Totenschein ausstellen.

Am Ende stellt sich die Frage: Sollte der Friedhof jemals sterben, wo wird er dann beigesetzt? Die Antwort kann nur lauten: Auf einem Friedhof! Aber soweit muss es ja nicht kommen. Denn Totgesagte leben bekanntlich länger.

BUCHBESPRECHUNG

 

Nina Jakoby/Michaela Thönnes (Hg.) (2017): Zur Soziologie des Sterbens. Aktuelle theoretische und empirische Beiträge. Wiesbaden: Springer VS.

 

  

Die in Zürich entstandene Publikation der Herausgeberinnen Nina Jakoby und Michaela Thönnes versteht sich als „Beitrag, die Soziologie des Sterbens im wissenschaftlichen Diskurs prominenter zu platzieren“ – ein nachvollziehbares Anliegen, bedenkt man die vergleichsweise geringe sozialwissenschaftliche Aufmerksamkeit, die dem Sterben (als Körperpraxis) im Vergleich zum Tod (als Körperschicksal) entgegengebracht wird. Als prozesshaftes Phänomen gedacht, impliziert die Soziologie des Sterbens konsequenterweise auch „die Betrachtung von Verlust und Trauer der Nachwelt“, schließlich gibt es wenig Gründe, die individuelle Statuspassage Tod als Unterbrechung jener (fraglos sehr vielschichtigen) sozialpsychologischen Effekte zu verstehen, die sich bei Angehörigen im Kontext des Sterbens ihrer significant others ergeben und die sich nach deren Tod in spezifischen Trauer- und Gedenkaktivitäten niederschlagen. Mit den Worten der Herausgeberinnen: „Das Sterben und die Trauer der Nachwelt bilden soziale Phänomene, da sie den Verlust einer sinnhaften sozialen Beziehung anzeigen und zugleich in soziale Beziehungen eingebettet sind.“

 

Hier von einem „Verlust“ zu sprechen, ist indes mehr These als nüchterne Bilanz: Zeigen nicht Trauerhandlungen an, dass soziale Verbindungen durch den Tod eben nicht brachial, plötzlich und nachhaltig unterbrochen werden, sondern vielmehr langsam verebben? In der Trauer um einen verstorbenen Menschen aktualisiere ich dessen Präsenz nicht alleine durch Erinnerungsleistungen, die auf die Abgeschlossenheit der Beziehung (mehr oder minder deutlich) verweisen; ich kann ebenso gut trauern oder andere ritualisierte Handlungen ausführen, um die Verlustsemantik umzuinterpretieren. Nichts Anderes leisten religiöse Rituale, die den Tod nicht als Abschied, sondern als Mechanismus der Neuverortung von Seele oder Geist propagieren – inklusive der Option, manchmal sogar des Versprechens, dass ein Wiedersehen möglich ist. Nicht die Frage, ob derlei realistisch ist, ist soziologisch interessant, sondern die Tatsache, dass es weite Personenkreise gibt, die sich am Narrativ der Todesüberbrückbarkeit orientieren und darin eine Quelle der sinnhaften Verarztung des Trauerschmerzes entdecken können. In diesen Fällen steht Trauer nämlich für eine gänzlich andere Haltung zum Tod einer geliebten Person als dort, wo Sozialität unabdingbar an die lebendige Kopräsenz von Akteuren gekoppelt ist.

 

Dass Sterbeverläufe eine hohe Diversität aufweisen, versucht der Beitrag von Allan Kellehear über „Current social trends and challenges for the dying person“ abzubilden. Kellehear listet dominierende gesellschaftliche Trends auf, die das Sterben beinflussen und verändern; zuletzt hält er fest, was in der Soziologie auch schon Talcott Parsons thematisiert hat: Die Gegenwart des Sterbens wirkt ‚ziellos‘, insofern es gesellschaftlich nicht gelingt, eine positive oder wenigstens neutrale Bewertung des Sterbens und des Todes zu etablieren.

 

In weiteren Beiträgen ist zu erfahren, zu welchen Widersprüchen und kritischen Reflexionen die Tendenz zur „Sterbeoptimierung“ gesellschaftlich führt (Nina Streeck) und welche Implikationen das Zuhause-Sterben im Kontext ambulanter Hospize aufweist (Stephanie Stadelbacher). Die unterschiedliche Lebenserwartung von Männern und Frauen wird im Hinblick auf soziale Ursachen beleuchtet, wobei sich die Mortalitätsrate als sozialer Konstruktionszusammenhang herausstellt (Corinna Onnen/Rita Stein-Redent). Aus der Feder von Jakoby und Thönnes stammt ein Beitrag zur symbolisch-interaktionistischen Komponente des Verhältnisses zwischen sterbenden Menschen und sie ‚begleitenden‘ Tieren; diese seien durchaus als „relevante[] Rollenträger“ zu begreifen, insbesondere vor dem Hintergrund der spezifisch komplexitätsreduzierten Interaktion zwischen Mensch und Tier, die im Sterbezusammenhang als Stabilisierungsfaktor dienen könne. Vor dem Hintergrund einer qualitativen Studie zu Fehl-und Totgeburten wird außerdem gezeigt, wie stark hier trotz, bzw. gerade wegen evidenter „Uneindeutigkeiten“ ordnende und normierende Faktoren zusammenspielen (Julia Böcker). Ferner geht es um den Wandel des kollektiven Totengedenkens im Lichte der Transformation von „Trägermedien“ und angesichts der Vision von sozialer Unsterblichkeit, wie sie etwa das Internet möglicherweise verheißt (Nils Meise).

 

Hervorzuheben ist der Beitrag von Rainer Schützeichel, der sich den „Sinnwelten des Trauerns“ professionsanalytisch annähert. Vor dem Hintergrund einer pluralen, weil deutungsabhängigen Gewichtung des Trauerns wird das Berufsfeld der Trauerarbeiter fokussiert. Wer Trauerarbeit betreibt, ist einerseits ‚nah dran‘ an einem lebensweltlichen Krisenherd und zugleich durch die professionalisierte Einbindung in diese Krise ‚weit weg‘. Die Nachfrage nach Trauerarbeit legt nahe, dass das Angebot, den Trauerschmerz und seine Begleiterscheinungen sachlich zu bearbeiten, auf Anklang stößt; zugleich aber geht es offenkundig nicht darum, mithilfe einer empathischen Expertenkultur Abstand zum Ursprung der Trauer zu nehmen, wie Schützeichel betont: „Wie soll man sich möglichst aktiv mit der als Bedrohung empfundenen Trauer auseinandersetzen, wenn diese Trauer doch das einzige ist, was einen mit einem geliebten Menschen verbindet und diesen Menschen gleichsam am Leben hält? […] Dies ist der tiefe Widerspruch, an dem die Professionalisierung der Trauerarbeit ansetzt und […] aus der Trauerarbeit eine Trauerbegleitung werden lässt.“ Ist die Trauer der anderen der Ausgang professionalisierten Handelns, sind spezifische Kommunikationsstrategien und normative Konzepte unabdingbar, was nicht ausschließt, sondern vielmehr bedingt, dass auch der explizite Verzicht auf Normativität zugunsten des Eingehens auf je spezifische Fallkonstellationen normative Züge annimmt.

 

In mehreren Texten spielt die Differenzierung des (vermeintlichen?) Gegensatzpaares ‚gutes Sterben‘ und ‚schlechtes Sterben‘ eine Rolle. Vielleicht ist es das zentrale Kennzeichen eines ‚modernen‘ Sterbediskurses, dass das Lebensende überhaupt an ‚Charakteristika‘ gewinnt: Nicht allein wer wann warum stirbt, sondern auch wie, markiert einen Reflexionszugewinn, auf den zu verzichten sich die Gesellschaft der Sterbenden wohl nicht mehr leisten wird – und deren Mitglied sind wir alle.