Buchvorstellungen

 

Unregelmäßig re­zen­sie­ren wir Neu­er­schei­nun­gen im The­men­be­reich Tod/­Sterben/­Trauer/­Be­stat­tungs­kul­tur. Hier fin­den Sie Hin­weise auf diese Be­sprechun­gen bzw. eigens für die Homepage angefertige Rezensionen.

 

 


REZENSION

Antje Kahl, Hubert Knoblauch und Tina Weber (Hrsg.) (2017):

Transmortalität. Organspende, Tod und toter Körper in der heutigen Gesellschaft.

Weinheim/Basel: Beltz-Juventa.

 

Die vorliegende Publikation betrachtet den veränderten Umgang mit dem toten Körper und nimmt in diesem Zusammenhang insbesondere die Organspende unter die Lupe. Von »Transmortalität« ist deshalb die Rede, weil die Verpflanzung eines Organs aus einem angeblich doch toten in einen lebendigen Körper die herkömmliche Vorstellung einer stringenten Trennlinie zwischen Leben und Nicht-Leben in Frage stellt: »Weil die postmortale Organtransplantation schon namentlich die Grenzen dessen überschreitet, was vor der entsprechenden Gesetzgebung als tot galt, stellen wir sie in den Mittelpunkt der Frage nach der Transmortalität«, so die Herausgeber.

 

Solche zunächst einmal epistemologischen Probleme sollten den Alltagsmenschen nicht kümmern. Und in der Tat, die Organspende genießt generell offenkundig einen guten Ruf – sie hat die Reputation, Leben zu retten, ja sie gibt einer Todeskatastrophe bisweilen nachträglich einen Sinn. Dennoch ist die Diskrepanz zwischen Anerkennung und tatsächlicher Spendebereitschaft sehr hoch. Die Zahl der faktischen Organspender ist gegenwärtig so niedrig wie zuletzt vor zwanzig Jahren.

 

Der Band von Kahl, Knoblauch und Weber diskutiert die Gründe für diesen vermeintlichen Widerspruch: Beispielsweise die Unwissenheit über den Hirntod bzw. die Ablehnung der damit verbundenen Konzeption; der Angst vor Missbrauch beim Organhandel; die Vorstellung, Ärzte würden angesichts eines Organspendeausweises nicht mehr genügend für die Lebenserhaltung tun; aber auch Motive wie die Störung der Totenruhe, und diverse andere Überlegungen spielen eine Rolle.

 

Wie auch immer man diese Haltungen im Einzelnen bewerten mag: Ambivalenz liegt der Organspende fraglos inne, schließlich ist der tote Körper hier eben nicht vollständig und irreduzibel tot, sonst wäre eine Übertragung spezifischer Organe nicht mehr möglich. Man müsste sich schon der Idee einer postmortalen Wiederbelebung bedienen, um die Organspende anders zu erklären. Das wäre eine vielleicht nicht vernünftigere Erklärung – aber auch nicht unbedingt eine weniger logische. Das Weiterleben im aufnehmenden Körper jedenfalls verortet das Spenderorgan in einem ungeklärten Areal. Anders gesagt, die Organspende – oder eben Transmortalität – legt nahe, dass es »Phasen der Existenz von Personen gibt, die jenseits oder zwischen ihrem Leben und ihrem Tod liegen«, wie es in einem Beitrag heißt.

 

Geht es nun um Fragen der Substanz – oder lediglich um Definitionen? Der »Eindruck des Hybriden«, wie Petra Gehring schreibt, »verweist aufs Leben zurück«; Zwischenzustände des Totseins sind schließlich schwerer vorstellbar, als Übergangsphänomene im Sterbezusammenhang. Die »prekäre[] Zwischenwelt‹«, von der wiederum Ronald Hitzlers Beitrag spricht, könnte aber auch ein Zuschreibungseffekt sein. Die altbekannte Trias Internalisierung/Objektivation/Externalisierung, also: die Verinnerlichung eines Wissensbestandes, die darauffolgende Bestätigung durch das Umfeld, und schließlich die Weitergabe dieses Wissens in der Annahme, dass es stimmen muss (Berger/Luckmann nennen dies 1966 die »gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit«), legte immer schon nahe, dass Realität eine Konsequenz gemeinsamer Anstrengungen ist, nicht eine Sache an sich. Gibt es also den Tod überhaupt jenseits der Beobachterposition? Oder das Leben?

 

Die zentrale Idee hinter dem Transmortalitätsgedanken ist nicht bahnbrechend neu. Die näheren Auseinandersetzungen, die die Herausgeber vor dem Hintergrund eines an der TU Berlin durchgeführten Forschungsprojektes versammeln, sind aber ohne Frage gewinnbringend. Sie treiben nicht nur das Nachdenken über die Möglichkeiten und Grenzen der Organspende, sondern auch der Transmortalitätsidee schlechthin an. (Im Laufe des Jahres werden weitere Ausflüge in diese thematischen Gefilde auf dem Buchmarkt erscheinen, diesmal aus Passau – das Thema ist en vogue.)

 

Ein Grund für die Infragestellung des nur scheinbar Selbstverständlichen mag darin liegen, dass der Tod einerseits in einer immer älteren, immer länger dem Sterbezustand verhafteten Gesellschaft notwendig durchschaut sein muss, um überhaupt sinnhaft begreifbar zu sein. Andererseits geht mit dem Sinn die Hinterfragung der Sinnkonstruktion einher, und zwar umso stärker, je eindeutiger die Sache verstanden wurde.


Ulrich Volp (Hg., 2016): Tod. Tübingen: Mohr Siebeck.

 

 

Das Thema Tod wird in der vorliegenden Neuerscheinung, deren Herausgabe Ulrich Volp besorgt hat, aus theologischer und ethischer Sicht behandelt. Ein zentraler Aspekt ist der – kulturhistorisch immer wieder thematisierte und umstrittene – Aspekt der Endlichkeitsaussicht, die den Menschen kennzeichnet: »So oder so kann das Leben und die Art, wie es zu gestalten ist, nicht unbeeinflusst bleiben von der eingehenden Betrachtung seiner Endlichkeit.« Angesichts dieser Gewissheit stellt sich die Frage nach stabilen, den sozialen Wandel unbeschadet überstehenden Leitlinien, die das (ja nun auch und gerade psychologische) Endlichkeitsschicksal zumindest mindern. Religiöse Angebote gibt es diesbezüglich reichlich, und in dieser Vielfalt liegt denn auch ein Problem: »In den biblischen und kirchengeschichtlichen Quellen begegnet uns ein außerordentlich vielfältiges und vielschichtiges Bild, und auch in der Gegenwart gibt es keinen Konsens über den richtigen evangeliumsmäßigen Umgang mit dem Tod.«

 

Angebote hängen auch auf dem transzendentalen Markt mit der Nachfrage zusammen. Wenn säkulare Trauerfeiern »oft bis in kleinste Detail hinein« den konfessionellen Ritualen ähneln, wie der Herausgeber gleich zu Beginn des Sammelbandes betont, so wiegt eben doch der Unterschied schwerer – der dezidierte Wunsch der Hinterbliebenen nämlich, vielleicht auch der Verstorbenen zu Lebzeiten, das Ritual anders auszuflaggen. Gerade dies wiederum macht den christlichen Umgang mit dem Tod in buchstäblicher Weise fragwürdig – welche Bedeutung kommt ihm heute noch zu? Interessierten wird eine große Bandbreite detaillierter Betrachtungen geboten. Thematisiert werden u.a. biblische Aspekte von Sterben und Tod, altorientalische Konzepte, die antike Ars moriendi, die Idee des ewigen Lebens, Fragen der auf den Tod bezogenen theologischen Ethik und die zeitgenössische Bestattungskultur.

 

Gerade in den gegenwärtigen Zeiten, in denen Religion so weit von einer Hegemonialstellung als Naturerklärungsinstanz entfernt ist wie wohl noch nie zuvor, ist es reizvoll, sich im Kontext der Beiträge auf eine Reise durch die eben doch theologische Perspektive auf das Phänomen Tod (mitsamt Sterben, Trauer usw.) einzulassen. Denn hier werden Sichtweisen und durchaus auch Argumente dafür aufgeboten, weshalb das Lebensende sich schlechterdings nicht völlig säkular betrachten lässt. Streiten kann man darüber trefflich – aber zum Streiten braucht man brauchbares Gedankenfutter, und dies wird in Volps Sammelband geboten.


 Julia Cornelia Olejnik (2016):

›Tote begraben und Trauernde trösten.‹ Haustiere in der Sepulkralkultur: Entwicklung und Bedeutung für die Tiermedizin.

Göttingen: Cuvillier.

 

Das Miteinander von Mensch und Tier geht auf eine lange Kulturgeschichte zurück. Zu unterschiedlichen Zeiten und an unterschiedlichen Orten haben sich unterschiedliche Menschen zu unterschiedlichen Tieren unterschiedlich verhalten. Schon deshalb fällt es schwer, von ›der‹ Mensch-Tier-Beziehung zu sprechen, und schon deshalb lohnt ein genauerer analytischer Blick – den sich die interdisziplinär ausgerichteten Human-Animal Studies seit einigen Jahren zur Aufgabe gemacht haben.

 

An Problemstellungen für die Wissenschaft mangelt es jedenfalls nicht; entsprechend facettenreich fällt die Palette bisheriger Arbeiten aus, etwa zu den Themen Jagd, Schlachtung, Fleischkonsum, Massentierhaltung, Tiere in Literatur, Kunst und Forschung, Tierschutz, und vieles mehr. Man kommt dabei nicht umhin, auch ethische Fragen zu tangieren, das anthropozentrische Weltbild zu hinterfragen, und sich der (sozial hergestellten) Grenzziehung zwischen Mensch und Tier sowie den wirksamen Macht-, Herrschafts-, Gewalt- und Ausbeutungsstrukturen, die die Koexistenz von Menschen und Tieren prägen, theoretisch wie empirisch anzunähern. Die Vielfalt der zu bearbeitenden Felder zeigt sich nicht zuletzt anhand der Fülle an Publikationen, die aktuell zum Mensch-Tier-Kontext vorliegen bzw. entstehen. Das ist keinesfalls selbstverständlich, denn lange Zeit wurden Tiere als Kulturwesen und Bestandteil der sozialen Welt kaum ernst genommen und insbesondere von den Sozialwissenschaften weitgehend ignoriert.    

 

Möchte man einen weiteren Schauplatz human-animalischer Verhältnisse herausgreifen, an dem sich zuletzt erstaunliche Veränderungen abgezeichnet haben, so fällt recht schnell der Relevanzzuwachs von Heimtieren ins Auge. Letztere bilden in der Alltagswelt vieler Besitzer einen unentbehrlichen Bestandteil; sie prägen deren Lebensstil und werden verstärkt als Sozialpartner wahrgenommen, die durchaus menschliche Eigenschaften, Kompetenzen und Rollen attestiert bekommen. Die Entstehung und Ausdifferenzierung eines beträchtlichen Marktes für Heimtierbedarf ist eine Folge dieser Entwicklung.

 

Welchen Stellenwert ihr animalischer Gefährten für viele Besitzer hat, wird vor allem dann offenkundig, wenn sein Leben endet. Nicht selten handelt es sich um ein höchst krisenhaftes Ereignis, das analog zum Tod eines geliebten Menschen spezifische Trauerreaktionen forciert. Diese kommen etwa in dem gewachsenen Bedürfnis nach einer ›würdevollen‹ Bestattung zum Ausdruck, die den eigenen Empfindungen gerecht wird und eine Alternative zu den erbarmungslosen Prozeduren der Tierkörperverwertung verspricht. Ein Resultat ist die Errichtung einer Vielzahl von Tierfriedhöfen in den vergangenen Jahren – eine Entwicklung, die übrigens im bemerkenswerten Kontrast zur gegenwärtigen Stagnation von Menschenfriedhöfen steht (deren ›Platzprobleme‹ sich inzwischen nicht mehr in einem Zuwenig, sondern einem Zuviel äußern). Zwar gibt es Tierfriedhöfe in Europa schon seit mehr als 100 Jahren, indes lässt sich einerseits ein sukzessiver Funktionswandel von eher pragmatischen hin zu emotionalen Motiven erkennen, zum anderen sind Nachfrage und Verbreitung so hoch wie nie zuvor. Sogar die gemeinsame Bestattung von Mensch und Tier, die bereits in prähistorischer Zeit praktiziert wurde (wenn auch aus ganz anderen Gründen), ist in Deutschland mittlerweile auf einigen Friedhöfen möglich, sofern bestimmte Auflagen eingehalten werden.  

 

Aller Pluralisierungs- und Liberalisierungstendenzen zum Trotz, stoßen die Trauer um ein verstorbenes Heimtier und die sie begleitenden Rituale nicht überall auf Verständnis, sondern werden zum Ausgangspunkt von privaten oder öffentlichen Kontroversen. Kann/darf/muss man den Verlust eines Tieres mit dem Verlust eines Menschen vergleichen? Oder manifestiert sich die normative Grenzziehung zwischen der menschlichen und der tierischen Spezies nicht gerade in dem Umstand, dass Menschen nach geltender Rechtslage in jedem Fall bestattet werden müssen, Tiere hingegen lediglich bestattet werden können? Ist mit einem toten Menschenkörper (Leichnam) also per se anders umzugehen als mit einem toten Tierkörper (Kadaver)? Und wer soll letztlich über diese Fragen entscheiden?

 

Auch wenn sich nicht leugnen lässt, dass die Trauer um ein verstorbenes Heimtier als Gesellschaftsphänomen faktisch existiert, und sich die zeitgenössischen Ausdrucksformen stark an der ›humanistischen Sepulkralkultur‹ orientieren – der Besuch des einen oder anderen Tierfriedhofs genügt, um zu dieser Auffassung zu gelangen –, kann (noch?) nicht davon ausgegangen werden, dass sie einen legitimen Platz in der Gesellschaft gefunden hat. Neben den ›verwaisten‹ Besitzern bekommen das auch jene Akteure zu spüren, für die die Verwaltung des Heimtiertodes zum Berufsalltag gehört. Insbesondere Tierärzte erhalten dabei insofern eine Schlüsselrolle, als sie nicht nur die Gesundheit ihrer animalischen Patienten regulieren, sondern meist auch deren Lebensende begleiten – bzw. auf kontrollierten Wegen herbeiführen, indem sie sterbenden Tieren, denen ›nicht mehr anders zu helfen ist‹, eine letale Narkosedosis verabreichen). Ihre bislang noch weitgehend unerforschte Rolle als ›Sterbebegleiter‹ und die damit verbundene Konfrontation mit den Reaktionen der Halter wird die veterinärmedizinische Ausbildung nach gegenwärtigem Stand offenbar nicht gerecht. Daraus ergeben sich wiederum Unsicherheiten im angemessenen Umgang mit (bisweilen emotional überforderten und überfordernden) Tierbesitzern.

 

Die damit angesprochene Diskrepanz bildet die Ausgangslage der tiermedizinischen Dissertation von Julia Olejnik. Mit ihrer Arbeit möchte sie »die historische Entwicklung, die gegenwärtige Situation und die künftige Bedeutung des Themenkomplex ›Mensch-Tier-Tod-Trauer‹ für die Tiermedizin« dokumentieren. Dieses Versprechen löst die Autorin, so viel sei bereits verraten, ein. Im Vordergrund stehen die veränderte Relevanz des Heimtiertodes und die Konsequenzen für den Veterinärberuf: Was also können »Tierärztinnen und Tierärzte, neben dem Einsatz palliativ-medizinischer Maßnahmen und der schmerzfreien Tötung eines Tieres, in der Zeit ante und post mortem animalis für die Tierbesitzer in Form von Beratung zur Trauerbewältigung und Erinnerungskultur beitragen«? Auf dem Weg zur Beantwortung dieser Frage darf sich der Leser auf eine umfassende Aufarbeitung der animalischen Sepulkralkultur freuen – sowohl in ihren historischen Dimensionen (globale Geschichte der Tierbestattung seit der Steinzeit) als auch in ihren gegenwärtigen Ausprägungen (neueste Entwicklungen im Feld der Trauer um Heimtiere) und auch hinsichtlich ihrer Zukunftsperspektiven (Nachholbedarf der Forschung und Lehre – vor allem im deutschsprachigen Raum). Ferner werden einige Seitenblicke gewagt, z.B. auf das gesellschaftliche Verhältnis zum Tod allgemein, auf den Bedeutungswandel der Hundehaltung (vom »Luxushund« zum »Compagnion Animal«) oder auf die rechtliche Position von Tieren.

 

Mit dieser Publikation liegt eine detailreiche (größtenteils deskriptive) Zusammentragung des nationalen wie internationalen Forschungsstandes vor. Detaillierte Auseinandersetzungen mit bestehenden Theorien sollten nicht erwartet werden, dafür aber trumpft das Buch mit zahlreichen älteren und neueren empirischen Studien (überwiegend aus dem anglophonen Sprachraum) auf, deren Tradierbarkeit auf die derzeitige Situation in Deutschland natürlich zu überprüfen wäre. Die Verfasserin ergänzt ihre Ausführungen mit diverse Abbildungen (z.B. von historischen Knochenfunden und modernen Tiergrabmalen) und Tabellen (etwa eine Auflistung aller zurzeit bestehenden Tierfriedhöfe in Deutschland). Wer sich momentan wissenschaftlich mit Mensch-Tier-Verhältnissen im Allgemeinen und dem Heimtiertod im Besonderen befasst, findet in diesem Buch ohne Zweifel wertvolle Informationen. Diese in so akribischer Form recherchiert zu haben, ist ein Verdienst der Autorin. Wem zunächst ein grober Überblick genügt, der sei auf die kompakten Zusammenfassungen am Ende eines jeden Kapitels verwiesen.

 

Der weite Bogen, den das Buch von den kulturgeschichtlichen Anfängen bis hin zu praktischen Konsequenzen und Empfehlungen für die künftige Forschung und Lehre spannt, macht es für eine breite Leserschaft zugänglich. Studierenden der Veterinärmedizin und praktizierenden Tierärzten kann es ebenso empfohlen werden wie anderen Berufsvertretern, die durch ihre Mitwirkung und/oder Mitentscheidung an der Gegenwart und Zukunft des Heimtiertodes beteiligt sind (Trauerbegleiter, Bestatter, Friedhofsverwalter, Politiker etc.). Die Lektüre lohnt sich aber auch für alle anderen Interessierten, die mehr über die kulturellen Hintergründe des Umgangs mit dem Heimtiertod wissen möchten. 


Frank Thieme (2016):

Bestattung zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Eine soziologische Studie zum Wandel des Bestattungsverhaltens in Deutschland.

Düsseldorf: Fachverlag des deutschen Bestattungsgewerbes.

 

Dass sich mit der Gesellschaft auch die Bestattungs- und Trauerkultur verändert und dieser Wandel in jüngster Zeit neue Trends hervorgebracht hat, dürfte nicht nur von Experten der damit befassten Berufe diagnostiziert worden, sondern durchaus auch in das Bewusstsein vieler Menschen vorgedrungen sein, für die Sterben, Tod und Trauer nur temporäre lebensweltliche Brisanz haben.

 

Das vorliegende Buch spürt dieser Entwicklung nach, indem es sein Augenmerk auf die veränderten Mentalitäten und damit verbundene Wünsche von Bestattungskunden legt. Hierfür hat sein Verfasser Frank Thieme, der als Soziologe an der Ruhr-Universität Bochum tätig ist, in den Jahren 2012-2013 eine vom Kuratorium Deutsche Bestattungskultur e.V. finanzierte empirische Studie durchgeführt, mit dem Ziel, »den Wandel der gegenwärtigen Bestattungskultur in einen gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang« zu bringen. Es wurden etwa 3.000 Bestattungsunternehmen via Fragebogen nach bestimmten soziodemografischen Merkmalen ihrer Kunden befragt, sowie nach deren Vorstellungen und Präferenzen in Sachen Trauerfeier, Bestattungskosten, Grabgestaltung etc. Ergänzend dazu wurden zehn telefonische Experteninterviews mit Bestattern durchgeführt. Anhand der gewonnenen Daten (und unter Hinzuziehung zweier weiterer externer Studien) untersucht der Autor, inwieweit verschiedene Variablen (etwa der Bildungsstand des Verstorbenen und die gewählte Beisetzungsart) miteinander korrelieren und inwiefern die daraus gewonnenen Erkenntnisse im Einklang mit bzw. im Widerspruch zu den kursierenden alltagsweltlichen Überzeugungen stehen. Der empirischen Bestandaufnahme wird u.a. ein historischer Abriss der Bestattung im christlichen Kulturraum vorangestellt, sowie einige Thesen zum Status quo der zentraleuropäischen Sepulkralkultur und den gesellschaftlichen Faktoren, die ihren Wandel begünstigt haben (z.B. Ökonomisierung, Pluralisierung, Säkularisierung).

 

Die Ergebnisse seiner Untersuchung breitet der Autor in diesem etwas mehr als 100 Seiten umfassenden Büchlein auf deskriptiv-quantitative Weise aus. Freunde von Zahlen, Häufigkeitsverteilungen, Balkendiagrammen und dergleichen, die in erster Linie an greifbaren Ergebnissen interessiert sind und sich nicht allzu lange mit dem forschungsleitenden Theorieverständnis, dem Begriffsinstrumentarium oder einer ausführlichen Explikation der gewählten Erhebungs- und Auswertungsmethoden aufhalten möchten, kommen hier voll auf ihre Kosten. Der Band wird dadurch leicht und zügig lesbar und mit seiner Kompaktheit bietet er insbesondere einer fachfremden, gleichwohl thematisch interessierten Leserschaft vielversprechende Eindrücke von den Kernentwicklungen der zeitgenössischen Bestattungskultur in Deutschland. Man erfährt beispielsweise etwas über die Hintergründe der zunehmenden Sozial- und Ordnungsamtbestattungen und die wachsende Nachfrage nach alternativen (friedhofsfernen) Beisetzungsformen, sowie über den Einfluss, den solche Kriterien wie Religion, Geografie, soziales Milieu, Beruf, Geschlecht, Bildungsgrad und Lebensalter auf die Entscheidung für oder gegen eine bestimmte Grabform haben.

 

Wer nach einer detaillierten Auseinandersetzung sucht, die über die deskriptive Ergebnispräsentation weit hinausreicht – etwa in Form einer kritischen Durchdringung und Operationalisierung vermeintlich selbstverständlicher Begriffe wie Privatisierung, Mediatisierung oder Individualisierung –, wird in diesem Buch allerdings nicht fündig. Auch hätte die eine oder andere Diskussion der an manchen Stellen angeführten Bestatterstatements, die ein wenig den Eindruck erwecken, ›letzte Wahrheiten‹ zu sein, nicht geschadet. Natürlich leuchtet es ein, in einem Buch über Bestattungskultur auch und gerade jene ›Wissensarbeiter‹ zu Wort kommen zu lassen, die aufgrund ihrer beruflichen Erfahrungen besonders ›nah dran‹ sind. Der Bemerkung des Autors: »Wer sollte diese Fragen begründeter beantworten können als die Mitglieder einer Profession, die die Versorgung der Toten und die Beratung der Angehörigen zu ihrer Berufspflicht gemacht hat?« könnte man indes entgegenhalten, dass sich auch Soziologen diesbezüglich nicht verstecken brauchen – wenngleich sich die soziologische Expertise von der des Bestatterberufs in einigen Punkten unterscheiden mag. Das ist jedoch kein Nachteil, sondern zeigt nur, dass die Begegnung von Wissenschaftlern und Praktikern trotz oder wegen differierender Perspektiven und Standpunkten durchaus auch wertvolle Synergieeffekte zeitigt. 

 

Besondere Aufmerksamkeit verdient ferner die vom Verfasser vorgenommene Fallauswahl, da sie  – aller notwendigen Forschungspragmatik zum Trotz – hinsichtlich des Aussagegehaltes der späteren Ergebnisse nicht eben unproblematisch ist. Befragt wurden nämlich nur solche Unternehmen, die Mitglied im Bundesverband Deutscher Bestatter e.V. (BDB) sind. Auch wenn dies laut eigener Aussage auf circa 80% aller Bestattungsinstitute in Deutschland zutrifft, gilt es zu bedenken, dass der BDB über eigene Richtlinien und Werthaltungen etc. verfügt, die sich freilich nicht ohne weiteres generalisieren lassen (suspendiert werden beispielsweise sogenannte  ›Discountbestatter‹, deren nähere Betrachtung durchaus lohnenswert wäre). Eine andere Einschränkung, deren Nutzen sich dem Leser nicht so recht erschließt, besteht darin, dass die Studie bewusst »nicht die Gesamtheit der Bestattungskultur in Deutschland« in den Blick nimmt, sondern dass die untersuchten Bestattungen entweder »nach christlichem Ritus« erfolgten oder »weltanschaulich ungebunden« waren. Beisetzungen nicht-christlicher Religionen wurden folglich außer Acht gelassen, was gerade angesichts des starken Relevanzzuwachses von muslimischen Bestattungen in Deutschland auf großes Bedauern stößt. Der vom Autor selbst immer wieder betonten Pluralität und Heterogenität der zeitgenössischen Bestattungskultur tragen derartige Restriktionen jedenfalls nur bedingt Rechnung.   

 

Abgesehen von den genannten Einschränkungen kann der Band dennoch weiter empfohlen werden – nicht unbedingt denjenigen, die sich dezidiert mit dem Verhältnis von Soziologie und Sterblichkeit auseinandersetzen wollen, umso mehr aber denjenigen, die sich (ohne es mit der Repräsentativität zu genau zu nehmen) einen kompakten Überblick über aktuelle Tendenzen erhoffen, sei es als Berufspraktiker oder als neugierige Laien. 


Michael Schetsche / Renate-Berenike Schmidt (Hg., 2016):
Rausch – Trance – Ekstase. Zur Kultur psychischer Ausnahmezustände.

Bielefeld: Transcript.

 

Seit jeher und in allen Kulturen haben Menschen es verstanden, sich auf unterschiedlichen Wegen in rauschhafte Bewusstseinszustände zu versetzten. Rausch mitsamt seiner (un-)intendierten Folge-erscheinungen ist damit fester Bestandteil des sozialen Lebens. Wer sich im Rausch befindet, der verlässt für einen unbestimmten, aber begrenzten Zeitraum die gewohnten Bahnen seines Alltags. Was berauschend wirkt (eine Substanz, ein Gedanke, eine Berührung, ein Ritual oder etwas gänzlich anderes) und wie Rausch subjektiv erlebt bzw. kulturell gedeutet wird (z.B. als Lifestyle, Optimierung, Selbstreinigung, Heilung, Inspiration, Entspannung, Spiritualität, Besessenheit, Risiko, Irritation, Störung, Gefahr, Leichtsinn, Krankheit, Kriminalität, Stigma usf.), hängt von unterschiedlichen Aspekten ab. 

Ob vorsätzliche Herbeiführung oder unerwartetes Widerfahrnis, ob legitimes oder illegitimes Lebensweltelement, ob singuläres Abenteuer oder regelmäßige Alltagsflucht, ob individuelle oder kollektive Erfahrung: Rausch lässt sich nicht losgelöst von normativen Ordnungen denken. Das gilt nicht zuletzt für die Moderne, die sich gemeinhin durch eine Zunahme von Selbstkontrolle und der Sanktionierung ihres Verlustes auszeichnet. Wer vom Rausch spricht, der verweist damit implizit auch auf die Vorstellung von Normalität und Moral, was zeigt, dass man es hier nicht lediglich mit einem körperlichen bzw. emotionalen Ausnahmezustand zu tun hat, sondern auch und vor allem mit einem Produkt gesellschaftlicher Transformation.

 

Die Frage, „wie Individuum und Gesellschaft zu verschiedenen Zeiten und in unterschiedlichen Kontexten mit außergewöhnlichen Bewusstseinszuständen – legitim wie illegitimen – umgegangen sind“ und unter welchen Bedingungen solche Bewusstseinszustände akzeptiert und sanktioniert werden, wird in dem von Michael Schetsche und Renate Berenike Schmidt herausgegebenen Band „Rausch. Trance. Extase“ spannungsreich ausgelotet. Ein flüchtiger Blick in dessen Inhaltsverzeichnis verrät: Während sich ein paar wenige Artikel explizit auch mit Trance und Ekstase befassen, dominieren die Auseinandersetzungen mit den Facetten des Rauschs.

 

So vielfältig das Phänomen anmutet, so umfangreich fallen die gesellschaftlichen Felder aus, in denen Rausch, aber übrigens auch Zustände der Trance oder der Ekstase relevant sein können: Kunst, Sport, Religion, Wirtschaft, Politik, Medizin, Psychologie, Recht, Massenmedien etc. Wie das Buch deutlich macht, nimmt sich seit geraumer Zeit auch die Wissenschaft des Rausches an und wirft dabei interessante Fragen auf. Aus jeweils unterschiedlicher Perspektive blicken die Beiträger auf diverse Rauschkontexte: z.B. Sexualrausch, Einsatz von Rauschmitteln in Kriegssituationen, Alkoholkonsum in der DDR, (inter-)nationale Drogenpolitik, sowie Rausch im Kontext von Musik, Tanz, Kunst oder Religion. Bei all dem wird auf beeindruckende Weise evident, dass Rausch weit mehr ist, als es medizinische Klassifikationsbemühungen erahnen lassen. Denn erst vor dem Hintergrund zeitgenössischer gesellschaftlicher Diskurse lässt er sich wirklich verstehen. Dem Leser entfaltet sich somit ein weites Panorama. Ferner erhält er Einblicke in historische (Rausch in der griechischen Antike) und interkulturelle (Rausch im Sufi-Islam) Zusammenhänge.

 

Auf Höhe des aktuellen (kultur-)wissenschaftlichen Standes gelingt dem Sammelband eine multiperspektivische Reflexion dieses umfassenden Feldes. Auf diese Weise bietet er eine anspruchsvolle und zugleich unterhaltsame Reise in die außeralltägliche Welt des außeralltäglichen Bewusstseinszustands. Wer sich dafür interessiert, dem sei diese Lektüre ausdrücklich empfohlen! 


Reiner Sörries (2016):
Stirbt der Friedhof? Über das Dahinsiechen traditioneller Begräbniskultur.
Frankfurt am Main: Fachhochschulverlag.

 

Der Friedhof der Gegenwart – ein sterbender Patient? So sieht es jedenfalls Reiner Sörries, der ihm mit seinem neuesten Büchlein, so könnte man meinen, die letzte Ölung geben will.

Der Friedhof blickt auf eine jahrhundertealte Kulturgeschichte zurück. Er ist nicht bloß Körperaufbewahrungsstätte, sondern erfüllt weitere Aufgaben, darunter auch gewissermaßen soziale Funktionen. Weil sich die Gesellschaft im permanenten Wandel befindet, haben auch Friedhöfe immer wieder ihr Gesicht verändert. Wer sich für die Besonderheiten einer Kultur interessiert, findet im Friedhof folglich eine wertvolle Erkenntnisquelle.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts zeichnen sich nun aber besonders auffällige Veränderungen auf dem Friedhof (aber auch an anderen Schauplätzen der Sepulkralkultur) ab. Gräber geben mehr über die Lebenswelten der Verstorbenen preis – werden aber auch insgesamt kleiner, nicht zuletzt aufgrund des Siegeszuges der Feuerbestattung. In der Folge wird die ungenutzte Friedhofsfläche größer; Friedhöfe haben dadurch weniger Einnahmen; und die Konkurrenz durch kommerziell geführte Bestattungswälder außerhalb der Friedhofmauern steigt. Auch die Bestattungspflicht auf dem Friedhof ist seit längerem in der Debatte; sie wird früher oder später fallen. Unter ökonomischen Gesichtspunkten steht der Friedhof damit vor großen Herausforderungen; und vielleicht mehr denn je besteht die Notwendigkeit der Intervention durch Innovation.

Gewiss: Je nach Perspektive kann man die Situation des Friedhofs unterschiedlich bewerten und benennen. In dem vorliegenden Buch spricht Sörries von einem „Dahinsiechen“; der Friedhof sei ein Patient, dem letztlich kaum mehr zu helfen ist. Hinter dieser Metapher steckt der Wunsch, das Publikum teilhaben zu lassen an Ergründungen darüber, wie der Friedhof in diese bedrohte Lage gekommen ist und wer die Schuld dafür trägt. Das Durchdeklinieren wird von Sörries konsequent bildersprachlich betrieben: Schuld könnten Altersschwäche, Krankheit, Unfall, Klimaveränderungen, Unachtsamkeit etc. sein.

Der Tonfall ist stellenweise salopp, gleichzeitig auch moralisierend und bewertend. Sörries bedient sich diverser Simplifizierungen, Allgemeinplätze und Pauschalurteile, um seine Position klar zu machen. Das bringt einen durchaus leserfreundlichen Effekt mit sich: Laien, die etwas über die Entwicklung der deutschen Friedhöfe in den letzten 200 Jahren und über die sie verändernden aktuellen Erscheinungen erfahren möchten, haben eine kompakte und bisweilen unterhaltsame Lektüre vor sich.

Aber als wissenschaftliche Publikation ist das Buch schlichtweg nicht ernst zu nehmen, da es weder theoretische Perspektiven entfaltet, noch unter methodologisch kontrollierten Bedingungen mit validen Erkenntnissen aufwartet, noch die empirischen Erkenntnisse aktuell erschienener Studien mitreflektiert. Da hilft auch die spärliche Literaturübersicht im Anhang nicht weiter.   

Dies alles räumt der Autor sogar selbst ein: „Das kleine Buch verzichtet bewusst auf einen wissenschaftlichen Apparat, wie sich das eigentlich für eine seriöse Studie gehört.“ Der freiwillige Verzicht bringt es mit sich, dass Sörries im Wesentlichen auf die anekdotische Evidenz rekurriert, die er aus seiner Zeit (immerhin fast ein Vierteljahrhundert) als Leiter des Museums für Sepulkralkultur in Kassel gewonnen hat.

Die Leitung eines Museums ist eine Sache, die Auseinandersetzung mit dem – nun ja durchaus recherchierbaren – aktuellen Forschungsstand (zu dem eben nicht nur wirtschaftliche Facetten des Friedhofs gehören) eine andere. Hier lässt der schmale Band seine Leser im Stich. Unter diesen Vorzeichen liest er sich wie eine allenfalls feuilletonistisch anmutende Wortmeldung eines über das Wohl des Friedhofes überaus Besorgten, der obendrein um zahlreiche Seitenhiebe gegenüber Fachkollegen und Berufspraktikern aus der Bestattungsbranche nicht verlegen ist. Hier und da darf man den Text mit einem Augenzwinkern rezipieren. Viel Neues erfährt man aber so oder so nicht.

Da ethische Direktiven heute nur mehr sehr bedingt mehrheitsfähig sind, darf das Moralunternehmertum des Autors gerne als persönliche Wortmeldung stehen bleiben. So düster wie Sörries in der Sache allerdings die Zukunft des Friedhofs anvisiert (in zwei von ihm selbst entworfenen ‚Todesanzeigen‘ gibt er ihm noch gut 10 Jahre), ist sie vermutlich nicht – zumindest dann nicht, wenn man die Perspektive ein wenig erweitert. Die Lage des Friedhofs hat sich zwar verändert; er hat sein Monopol verloren und ist nicht mehr der unumstrittene Ort der Trauer. Manch einer braucht ihn nicht und seine Reglementierungen machen ihn für viele unattraktiv. Aber aus all dem kann er lernen. Der Friedhof hat Potenzial, wenn er sich dem Zeitgeist anpasst, und hat dies in verschiedenen Städten durchaus schon unter Beweis gestellt. Die gesellschaftliche Pluralisierung und der Wunsch nach selbstbestimmter Trauer, um nur zwei Punkte zu nennen, müssen von flexiblen Friedhofsverwaltern aktiv aufgegriffen werden. Hinzu kommt: Trotz aller Alternativen, die fraglos zunehmen werden, wird es auch in Zukunft noch diejenigen geben, für die der Friedhof wichtig ist. Ohnehin bleibt abzuwarten, ob sich Konzepte wie Friedwald und Ruheforst langfristig behaupten können und inwiefern sie es schaffen, nicht am Widerspruch zwischen Innovationsgeist und der eigenen Normativität zerrieben zu werden. Zu bedenken ist ohnehin: In Ländern, in denen es keine Friedhofspflicht gibt, ist der Friedhof bislang auch noch nicht ausgestorben, sondern fungiert, soweit zu sehen ist, nach wie vor als zentrale Anlaufstelle für Bestattung, Trauer und Erinnerung.

Insgesamt bleibt Sörries‘ Position ambivalent und undurchsichtig. Er will, wie er schreibt, mit seinem Buch keine Rettungsvorschläge unterbreiten, da diese ohnehin zu spät kämen. Andererseits sei der Friedhof möglicherweise doch noch nicht ganz verloren und könne, welche Überraschung, sogar Selbstheilungskräfte entfalten. Wenn es also tatsächlich Aussicht auf Heilung gibt, bräuchte man dem Patienten doch nicht eine solch niederschmetternde Diagnose zu stellen. Selbst die titelgebende Frage, ob der Friedhof nun stirbt oder nicht, wird somit nicht wirklich beantwortet.

Wollte man dem Vorbild des Autors folgen und sich einer gewissen Polemik nicht verwehren, so kann man nach der Lektüre durchaus zu dem Schluss kommen, dass nicht der Friedhof ein Patient ist, sondern dieses Buch – und man möchte ihm angesichts der Länge der Krankenakte am liebsten gleich den Totenschein ausstellen.

Am Ende stellt sich die Frage: Sollte der Friedhof jemals sterben, wo wird er dann beigesetzt? Die Antwort kann nur lauten: Auf einem Friedhof! Aber soweit muss es ja nicht kommen. Denn Totgesagte leben bekanntlich länger.


Nina Jakoby/Michaela Thönnes (Hg.) (2017):

Zur Soziologie des Sterbens. Aktuelle theoretische und empirische Beiträge.

Wiesbaden: Springer VS.

  

Die in Zürich entstandene Publikation der Herausgeberinnen Nina Jakoby und Michaela Thönnes versteht sich als „Beitrag, die Soziologie des Sterbens im wissenschaftlichen Diskurs prominenter zu platzieren“ – ein nachvollziehbares Anliegen, bedenkt man die vergleichsweise geringe sozialwissenschaftliche Aufmerksamkeit, die dem Sterben (als Körperpraxis) im Vergleich zum Tod (als Körperschicksal) entgegengebracht wird. Als prozesshaftes Phänomen gedacht, impliziert die Soziologie des Sterbens konsequenterweise auch „die Betrachtung von Verlust und Trauer der Nachwelt“, schließlich gibt es wenig Gründe, die individuelle Statuspassage Tod als Unterbrechung jener (fraglos sehr vielschichtigen) sozialpsychologischen Effekte zu verstehen, die sich bei Angehörigen im Kontext des Sterbens ihrer significant others ergeben und die sich nach deren Tod in spezifischen Trauer- und Gedenkaktivitäten niederschlagen. Mit den Worten der Herausgeberinnen: „Das Sterben und die Trauer der Nachwelt bilden soziale Phänomene, da sie den Verlust einer sinnhaften sozialen Beziehung anzeigen und zugleich in soziale Beziehungen eingebettet sind.“

 

Hier von einem „Verlust“ zu sprechen, ist indes mehr These als nüchterne Bilanz: Zeigen nicht Trauerhandlungen an, dass soziale Verbindungen durch den Tod eben nicht brachial, plötzlich und nachhaltig unterbrochen werden, sondern vielmehr langsam verebben? In der Trauer um einen verstorbenen Menschen aktualisiere ich dessen Präsenz nicht alleine durch Erinnerungsleistungen, die auf die Abgeschlossenheit der Beziehung (mehr oder minder deutlich) verweisen; ich kann ebenso gut trauern oder andere ritualisierte Handlungen ausführen, um die Verlustsemantik umzuinterpretieren. Nichts Anderes leisten religiöse Rituale, die den Tod nicht als Abschied, sondern als Mechanismus der Neuverortung von Seele oder Geist propagieren – inklusive der Option, manchmal sogar des Versprechens, dass ein Wiedersehen möglich ist. Nicht die Frage, ob derlei realistisch ist, ist soziologisch interessant, sondern die Tatsache, dass es weite Personenkreise gibt, die sich am Narrativ der Todesüberbrückbarkeit orientieren und darin eine Quelle der sinnhaften Verarztung des Trauerschmerzes entdecken können. In diesen Fällen steht Trauer nämlich für eine gänzlich andere Haltung zum Tod einer geliebten Person als dort, wo Sozialität unabdingbar an die lebendige Kopräsenz von Akteuren gekoppelt ist.

 

Dass Sterbeverläufe eine hohe Diversität aufweisen, versucht der Beitrag von Allan Kellehear über „Current social trends and challenges for the dying person“ abzubilden. Kellehear listet dominierende gesellschaftliche Trends auf, die das Sterben beinflussen und verändern; zuletzt hält er fest, was in der Soziologie auch schon Talcott Parsons thematisiert hat: Die Gegenwart des Sterbens wirkt ‚ziellos‘, insofern es gesellschaftlich nicht gelingt, eine positive oder wenigstens neutrale Bewertung des Sterbens und des Todes zu etablieren.

 

In weiteren Beiträgen ist zu erfahren, zu welchen Widersprüchen und kritischen Reflexionen die Tendenz zur „Sterbeoptimierung“ gesellschaftlich führt (Nina Streeck) und welche Implikationen das Zuhause-Sterben im Kontext ambulanter Hospize aufweist (Stephanie Stadelbacher). Die unterschiedliche Lebenserwartung von Männern und Frauen wird im Hinblick auf soziale Ursachen beleuchtet, wobei sich die Mortalitätsrate als sozialer Konstruktionszusammenhang herausstellt (Corinna Onnen/Rita Stein-Redent). Aus der Feder von Jakoby und Thönnes stammt ein Beitrag zur symbolisch-interaktionistischen Komponente des Verhältnisses zwischen sterbenden Menschen und sie ‚begleitenden‘ Tieren; diese seien durchaus als „relevante[] Rollenträger“ zu begreifen, insbesondere vor dem Hintergrund der spezifisch komplexitätsreduzierten Interaktion zwischen Mensch und Tier, die im Sterbezusammenhang als Stabilisierungsfaktor dienen könne. Vor dem Hintergrund einer qualitativen Studie zu Fehl-und Totgeburten wird außerdem gezeigt, wie stark hier trotz, bzw. gerade wegen evidenter „Uneindeutigkeiten“ ordnende und normierende Faktoren zusammenspielen (Julia Böcker). Ferner geht es um den Wandel des kollektiven Totengedenkens im Lichte der Transformation von „Trägermedien“ und angesichts der Vision von sozialer Unsterblichkeit, wie sie etwa das Internet möglicherweise verheißt (Nils Meise).

 

Hervorzuheben ist der Beitrag von Rainer Schützeichel, der sich den „Sinnwelten des Trauerns“ professionsanalytisch annähert. Vor dem Hintergrund einer pluralen, weil deutungsabhängigen Gewichtung des Trauerns wird das Berufsfeld der Trauerarbeiter fokussiert. Wer Trauerarbeit betreibt, ist einerseits ‚nah dran‘ an einem lebensweltlichen Krisenherd und zugleich durch die professionalisierte Einbindung in diese Krise ‚weit weg‘. Die Nachfrage nach Trauerarbeit legt nahe, dass das Angebot, den Trauerschmerz und seine Begleiterscheinungen sachlich zu bearbeiten, auf Anklang stößt; zugleich aber geht es offenkundig nicht darum, mithilfe einer empathischen Expertenkultur Abstand zum Ursprung der Trauer zu nehmen, wie Schützeichel betont: „Wie soll man sich möglichst aktiv mit der als Bedrohung empfundenen Trauer auseinandersetzen, wenn diese Trauer doch das einzige ist, was einen mit einem geliebten Menschen verbindet und diesen Menschen gleichsam am Leben hält? […] Dies ist der tiefe Widerspruch, an dem die Professionalisierung der Trauerarbeit ansetzt und […] aus der Trauerarbeit eine Trauerbegleitung werden lässt.“ Ist die Trauer der anderen der Ausgang professionalisierten Handelns, sind spezifische Kommunikationsstrategien und normative Konzepte unabdingbar, was nicht ausschließt, sondern vielmehr bedingt, dass auch der explizite Verzicht auf Normativität zugunsten des Eingehens auf je spezifische Fallkonstellationen normative Züge annimmt.

 

In mehreren Texten spielt die Differenzierung des (vermeintlichen?) Gegensatzpaares ‚gutes Sterben‘ und ‚schlechtes Sterben‘ eine Rolle. Vielleicht ist es das zentrale Kennzeichen eines ‚modernen‘ Sterbediskurses, dass das Lebensende überhaupt an ‚Charakteristika‘ gewinnt: Nicht allein wer wann warum stirbt, sondern auch wie, markiert einen Reflexionszugewinn, auf den zu verzichten sich die Gesellschaft der Sterbenden wohl nicht mehr leisten wird – und deren Mitglied sind wir alle.


Weitere Besprechungen finden Sie hier:

Wenn der beste Freund geht. (Karin Bomke, 2015) Re­zen­siert von Matt­hias Meitz­ler

 

Ster­be­wel­ten. Eine Ethno­gra­phie. (Hg. von Mar­tin W. Schnell, Wer­ner Schnei­der und Ha­rald Kol­be, 2014) Re­zen­siert von Thorsten Benkel

Who wants to live for­ever? Post­mo­der­ne For­men des Wei­ter­wir­kens nach dem Tod. (Hg. von Dominik Groß, Brigitte Tag und Christoph Schweikardt, 2013)  Re­zen­siert von Matt­hias Meitz­ler