Grabstein des Monats

Dezember 2017

 

Spreek je Ne­der­lands? Wäh­rend un­se­ren Rei­sen über die Fried­hö­fe von heu­te ver­schlägt es uns hin und wie­der auch ins Aus­land. Dort lässt sich er­grün­den, ob die Ent­wick­lun­gen, die wir in Deutsch­land fest­stellen, auch an­ders­wo auf­tau­chen. In den Nie­der­lan­den ist das of­fen­sicht­lich der Fall – zu­min­dest, wenn es um indi­vi­du­elle Ge­stal­tun­gen geht, wie unser ak­tu­eller Grab­stein des Monats be­weist. Es han­delt sich um eine ori­gi­nelle Ver­sinn­bild­li­chung für das Lebensende. Seine Inschrift drückt aus, was man auch oh­ne nä­he­re Sprach­kennt­nis­se er­ken­nen kann – frei über­setzt lau­tet sie: »Der Vorhang fällt.« 


UNSER AKTUELLES FORSCHUNGSPROJEKT AN DER UNIVERSITÄT PASSAU:

 

Die Pluralisierung des Sepulkralen

Drittmittelgefördertes empirisches Forschungsprojekt am Lehrstuhl für Soziologie der Universität Passau

 

Der Tod eines nahestehenden Menschen führt in der Lebenswelt seiner Angehörigen meist zu heftigen Erschütterungen. Dabei wird der Verlust mit emotionalen Reaktionen beantwortet, in erster Linie mit Trauer. Die Soziologie versteht Trauer als Kulturprodukt, das nicht unabhängig von sozialen Normen, Werten und Deutungsmustern gedacht wer­den kann. Im so­ziologischen Fokus steht darum die Gemeinschaft, die den Verlust eines Mitgliedes zu bewältigen hat. Die genauere Betrachtung zeigt: Der Tod ist nicht nur eine biologische, sondern auch und vor allem eine soziale Tatsache – und mit Trauer verbun­den ist immer auch das Andenken und Erinnern sozialer Verhältnisse.

Die Art und Weise, wie Menschen sterben, wie sie bestattet, betrauert und erinnert werden unterliegt dem gesellschaftlichen Wandel und lässt sich längst nicht mehr ver­bind­lich bestimmen. So vielschichtig wie die einzelnen Lebensentwürfe heutzutage sind, so facettenreich ist auch der Umgang mit dem Lebensende geworden. Dabei lässt sich eine allmähliche Loslösung von traditionellen Konzepten beob­achten. Das Suchen und Finden von eigenen Trauer­stra­te­gien, die sich sowohl hinter, als auch auf den Ku­lis­­sen der Öffent­lich­keit abspielen kön­nen, gehört zu den Anforderungen in der modernen Gesell­schaft. Mit dem Schwinden von sozialer Kontrolle wächst der individuelle Entscheidungsspielraum  - und mit ihm mehren sich die Möglichkeiten, ein autonomes Trauerverhalten darzulegen.

Aufbauend auf theoretische und empirische Vorarbeiten zum Kontext Tod und Ge­sell­schaft und zum Wandel der Bestattungskultur nimmt das Projekt eine Soziologie der Trauer in den Fokus. Mit qualitativen Methoden der empirischen Sozialforschung wer­den die Ausdrucksweisen von und die Umgangsweisen mit Trauer vor dem Hintergrund der Pluralisierung von Sinnangeboten und angesichts der Individualisierung untersucht. Dabei werden u.a. folgende Fragen berührt:  

  • Durch welche Praktiken drückt sich Trauer aus und welche Funktion erfüllt sie?
  • Inwiefern unterliegen Trauerhandlungen der sozialen Kontrolle, inwiefern gibt es Gestaltungs­freiräume?
  • Welche Bedeutung haben Räumlichkeit, Materialität und Körperlichkeit im Zu­sam­menhang mit Trauer­?
  • Welche Bedeutung kommt dem Friedhof als Ort von Trauer und Erinnerung in der modernen Gesellschaft zu? In welchem Verhältnis steht er zu alternativen Räu­men der Trauer (z. B. dem Internet)?

Gerne kommen wir mit Berufsexperten und Betroffenen ins Gespräch, die ihre Sicht auf das Phänomen Trauer mitteilen und unsere Studie unterstützen möchten. Wir freuen uns auf Ihre Meldung unter: friedhofssoziologie [at] live.de


Unser aktuelles Buch heißt:
»Die Zukunft des Todes«

Erschienen im Herbst 2016.

 

Es geht um eine interdisziplinäre Verortung der gesellschaftlichen Ent­wicklungen im Bereich Bestattung, Tod, Trauerkultur. Der Schwerpunkt liegt auf neuen Trends: Heimtiertod, ambulantes Hospiz, Tod und Internet, Individua­li­sie­rung, u.v.m. Das Buch bietet einen Überblick über den aktuellen wissenschaft­lichen Stand aus soziologischer, theologischer, kommunikationswissenschaftlicher und kulturhistorischer Perspektive.

Nähere Informationen hier.

 

»Insge­samt lie­fert Thorsten Benkel mit die­sem Sam­mel­band nicht nur zahl­reiche Weiter­füh­run­gen der bis­he­ri­gen Fach­lite­ra­tur zu Ster­be-, Todes- und Trauer­räu­men, son­dern da­rüber hin­aus auch ein Buch, das selbst wie­de­rum eine Viel­zahl an An­schluss­mög­lich­keiten für wei­tere For­sch­ungen lie­fert.« (Rezension bei Socialnet)


 

Herz­lich will­kom­men auf der Seite fried­hofs­so­zio­lo­gie.de! Sie fin­den hier eine Do­ku­men­ta­tion un­se­rer so­zial­wis­sen­schaft­lichen For­schungs­ar­beit. Wir sind So­zio­lo­gen, die seit mehreren Jahren die Ver­bin­dung von Tod und Ge­sell­schaft un­ter­suchen und – ne­ben vie­lem an­de­ren – zu die­sem Zweck auch den Fried­hof un­ter die Lu­pe neh­men. Auf die­ser Seite, die stän­dig aus­ge­baut wird, möch­ten wir einen Ein­blick in un­se­re Ar­beit bie­ten. Da­zu ge­hört ne­ben ver­schie­de­nen Ele­men­ten der em­pi­ri­schen So­zial­for­schung (Feld­for­schung, In­ter­views, Do­ku­men­ten­ana­lyse) ins­be­son­de­re die Do­ku­men­tation, Ka­ta­lo­gi­sie­rung und Ana­lyse von Bild­ma­te­rial. Un­se­re Pro­jekt­archiv be­her­bergt ge­gen­wär­tig über 60.000 Fo­tos von über 1000 Fried­höfen, von de­nen wir Ihnen hier re­gel­mäßig ei­ni­ge Bei­spie­le vor­stel­len. Wir hof­fen, dass un­se­re Seite für Sie in­ter­es­san­te Ein­blicke be­reit hält.