Unser neues Buch liegt vor: »Zwischen Leben und Tod«!

 

Welche Zustände befinden sich zwischen Sein und Nicht-Sein? Stirbt man in verschiedenen Kulturen auf unterschiedliche Weise? Wann gibt es bei Facebook mehr Tote als lebendige User? Kann eine werdende Mutter hirntot sein? Wann ist Kommunikation keine Kommunikation mehr? Braucht man einen Körper, um zu existieren? Was hat die Formel 1 mit Schrödingers Katze zu tun? Und: Bin ich meine Milz?

 

Antworten aus soziologischer Sicht auf diese und viele weitere Fragen gibt es auf 274 Seiten voller sozialwissenschaftlicher Grenzgänge (und mit über 50 Abbildungen). 

 

 Thorsten Benkel/Matthias Meitzler (Hg.): Zwischen Leben und Tod. Sozialwissenschaftliche Grenzgänge, Wiesbaden: Springer VS 2018. Nähere Informationen hier.

 


Grabstein des Monats

November 2018

 

Und wenn man dir kein Papier hinlegt – dann nimm doch einfach den Grabstein! Der Grabstein des Monats im November gehört in die Reihe jener gar nicht einmal seltenen Bekenntnisse oder Aufrufe, sich gegen den Konformismus zu stellen; bzw. zu legen. Es darf vermutet werden, dass die hier bestattete Person zu Lebzeiten öfter mal unbequem bzw. querdenkerisch veranlagt war. Gewiss sind dies Etiketten, die sich heutzutage in der Selbstbeschreibung nahezu jeder anheften würde. Wird derlei allerdings als Friedhofsbilanz gezogen, als Weltabschiedsworte lesbar für die Gemeinde, der man angehörte, und denen zum Gruße, die noch einmal vorbeischauen, darf wohl durchaus von einem authentischen Kern ausgegangen werden.


Aktuelles Forschungsprojekt:

 

»Artefakt und Erinnerung. Zur Transformation von Materialität im Erinnerungskontext«

 

Kooperationsprojekt der Universitäten Passau und Rostock

 

 

 

 

 

Die Kultur des Trauerns unterliegt einem permanenten Wandel. Sie reagiert auf gesellschaftliche Transformationsvorgänge und reproduziert diese im Spiegel neuer Ritualformate und innovativer Konzepte. Eine wissenschaftliche Analyse verspricht eine Erhellung der hier konstatierbaren Vielfalt und Ausdifferenzierungen – und damit auch eine Aufschlüsselung der Interessen und Bedürfnisse von Akteuren im funeralen Feld.

 

Entscheidend ist insbesondere die Rolle der Materialität. Exemplarisch soll der Umgang mit so genannten »Erinnerungsdiamanten« untersucht werden. Im Trauerprozess von Hinterbliebenen, die sich dazu entschieden haben, die Kremationsasche ihres verstorbenen Angehörigen in Form einer kristallinen Preziose aufzubewahren, spielen diese Artefakte offenkundig eine wichtige Rolle. Welche Erwartungen, Motivlagen und Interessen werden dabei ausagiert bzw. verwirklicht? Das hier projektierte Vorhaben soll Fragen des Umgangs (Pragmatik) mit Fragen der Ästhetik verbinden, die im Kontext von Trauerprozessen eine besondere Bedeutung erlangen.

 

Im Unterschied zu Reliquien, die einem durch die natürlichen Todesfolgen transformierten Körperteil eines Menschen von exponierter Heiligkeit entstammen (zumeist Knochen), ist es hier ein ästhetisiertes Artefakt, das in seiner Substanz den Verstorbenen gewissermaßen technisch – und möglicherweise auch ideell – in »zweiter Ableitung« symbolisiert. Erinnerungsdiamanten stehen nicht zwingend im Widerspruch zum traditionellen Friedhof. Ein juristisch offenes Problem (in Deutschland) ist die Partikularisierung der Asche. Die von der Bestattungspflicht vorausgesetzte immobile Verortung der sterblichen Überreste (Friedhofsgrab, Totenruhe) gerät hier in einen Kontrast zur Mobilität (der Diamant kann auch körpernah als Schmuck getragen werden). Bei den verschiedenen Formen des Umgangs mit der Kremierungsasche ist hier ein besonderes Augenmerk auf die schon praktizierten, gestuften Übergänge zu richten (Friedhof/Friedwald/Seebestattung/ häusliche Schmuckurne/Asche am Urlaubsort/ Asche als Tattoo bzw. Asche als Gemälde. usw.).

 

Analog zum biologischen Gestaltwechsel der Leiche im Grab ist auch im Prozess der Diamantpressung die Transformation den Blicken der Angehörigen entzogen. Sinnlich wahrnehmbar (taktil, optisch) ist jeweils ein zunächst invariantes Endprodukt. Doch anders als das immobile Grab auf dem Friedhof entsteht hier ein Erinnerungsgegenstand, der für die Angehörigen ambulant handhabbar wird. Aus Angehörigen werden nun auch Eigentümer. Der Kauf des Diamanten stellt also eine formalisierte Form der Wiederaneignung des Verstorbenen dar.

 

Soziologisch lässt sich argumentieren, dass Artefakte das soziale Leben auf vielfältige Weise verändern und bestimmen – dies trifft hier umso mehr, als nicht irgendwelche zweckdienlichen, sondern humanoide Artefakte im Zentrum stehen. Wenn hier immer auch Veredelungen in Form von Schmuckeinfassungen oder Glaskunst von den Hinterbliebenen bzw. Kunden angewählt werden, dann erhöht dies die Komplexität der Person-Sach-Relation und eröffnet neue Formen der Koordination von Artefakten. Wie und wo werden die Erinnerungsdiamanten positioniert? Welche Arrangements werden präferiert? Und wie verändert sich möglicherweise beides im Trauerprozess? Ein Augenmerk wird auch darauf zu richten sein, inwiefern sich aus der häuslichen Aufbewahrung bestimmte Sachzwänge ergeben (z. B. Geheimhaltung gegenüber Gästen, Präsenz des Verstorbenen im häuslichen Umfeld, Fetischcharakter).

 

In jedem Fall konstituieren sich durch die Anwesenheit von Erinnerungsdiamanten neue Sinnzusammenhänge, in denen die Artefakte auf eine je spezifische Weise in Erscheinung treten und in eine – geordnete? – Beziehung zu anderen Gegenständen, Handlungen und Wahrnehmungsweisen gesetzt werden. Welche Formen der Personifizierung werden gewählt? Firmiert der Diamant als ein personales »Er« bzw. eine »Sie«, oder ein sächliches »Es«?


Bericht zur Tagung

»Körper – Wissen – Tod«

 

Am 25. und 26. Mai 2018 ver­anstal­teten wir in Zusammen­arbeit mit der Sektion Wissens­soziologie der Deutschen Gesell­schaft für Sozio­logie an der Uni­versität Passau eine sozial­wissenschaft­liche Fach­tagung zu dem Thema »Körper – Wissen – Tod«.   

 

Die zahl­reich be­suchte Veran­stalt­ung adressierte sowohl VertreterInnen aus Wissen­schaft und Praxis als auch intere­ssierte BesucherInnen und Studie­rende. Ziel war es, wissen­schaft­liche Per­spek­tiven auf gesell­schaft­liche Fragen zum Lebens­ende zu ent­werfen. Die insgesamt 16 Vorträge wurden von regem Aus­tausch und kontro­versen Debatten begleitet.

 

Den Anfang machte Thorsten Benkel (Passau), der sich der Thematik unter wissens­soziolo­gischen Vorzeichen annäherte. Mit besonderem Fokus auf Körper­lich­keit sowie u.a. am Beispiel des vergessenen Klassikers Max Scheler versuchte Benkel zu zeigen, dass das, was Tod genannt wird, immerzu das Produkt einer spezi­fischen Wissens­for­mation ist. Anschließend fokussierte Werner Schneider (Augsburg) Sterben als sozialen Prozess und entwarf eine dispositiv­analy­tische Per­spektive auf das Lebens­ende. Dabei beleuchtete er das »gute Sterben« als ein Projekt nicht nur für den Sterbenden selbst, sondern auch für die Ange­hörigen.

 

Den Tod als »Problem der Lebenden« thema­tisierte auch Matthias Meitzler (Passau) anhand des sozialen Wandels im Umgang mit Ster­benden und der Tabui­sierung des Todes. Den Aus­gangs­punkt bildeten Norbert Elias‘ Betrach­tungen über die »Ein­sam­keit der Ster­benden in unseren Tagen«, die Meitzler vor dem Hinter­grund eigener For­schungen auf ihre empirische Aktualität hin überprüfte. Zsofia Schnelbach (Passau) gab Einblicke in ihre For­schungen zur Symbol­kraft des kindl­ichen Körpers bei stiller Geburt. Hierzu führte sie Inter­views mit Eltern, deren Kind tot zur Welt gekommen ist und die somit einer Para­doxie von Begrüßung und Abschied aus­gesetzt sind. Patrick Reitinger (Bamberg) führte die Thema­tik der Schwanger­schaft in seinem Vortag zur Ver­räumlichung von Körper­lichkeit weiter fort und zeichnete den Konflikt zwischen Materia­lität bzw. Körper­lich­keit und einem juris­tischen Lebens­konstrukt nach. Anhand aufschluss­reicher Studien zur Trans­mortalität veran­schaulichte Hubert Knoblauch (Berlin) u.a, dass zwischen Anspruch und Wirklich­keit des Organ­spende­aus­weises eine Lücke klafft, die von institu­tionellen Stellen bislang aller­dings un­zureichend berück­sichtigt wird.

 

Der zweite Veranstaltungs­tag wurde von Ulrike Wohler (Hannover) eröffnet. In ihrem Vortrag beschäftigte sie sich mit der gewandelten Sicht­weise auf die Vergäng­lich­keit des Lebens. Während besonders im Mittel­alter das Vanitas-Motiv öffentlich über alle Stände hinweg bewusst ver­handelt wurde, sehen wir den Tod heute vermehrt als ein Tabu­thema. Mit einem empirischen Ansatz beleuchtete Ursula Engelfried-Rave (Koblenz) die Bedeu­tung von Trauer-Tattoos. Die Haut fungiere dabei als ein Ort der Trauer, der Trauernde ständig begleite und eine Alternative zu her­kömm­lichen Trauer­orten sein könne. Ekkehard Knopke (Weimar) demon­strierte anhand eines ethno­gra­fischen Projekts im professio­nellen Bestattungs­kontext, auf welchen Wegen Geschlecht­lichkeit in diesem Setting kommuni­kativ kon­struiert wird. Auch Katharina Mayr und Niklas Barth (München) stellten die Kommuni­kation in den Mittel­punkt ihrer Unter­suchungen zum bewussten Sterben in der multi­professio­nellen Sterbe­be­gleitung. Dem »Schlamassel des Sterbens«, wonach Sterbende die ihnen zu­gewiesene Rolle zurück­weisen, wurde eine ideale Vor­stellung vom »guten Sterben« ent­gegen­gesetzt, die kommuni­ka­tiv ver­handelt und insbesondere in der Adressierung der Sterbenden durch professionelle Akteure sichtbar werde.

 

Lea Sophia Lehner (Passau) nutzte in ihrem Vortrag die elementaren Begriffe Feld, Kapital und Habitus von Pierre Bourdieu, um auf die Ursachen für Selbst­tötung in unserer Gesell­schaft ein­zu­gehen. Der Vortrag von Miriam Sitter (Hildesheim) widmete sich der Bedeutung von himml­ischen Sinn­bildern im Kontext tröstlicher Kinder­literatur bei der Trauer­begleitung für Kinder. Isabelle Bosbach (Bochum) ordnete in ihren Aus­führungen zur Kryonik, eine Konser­vierungs­methode durch Ein­frierung, den Tod als Phase des Lebens ein und definierte ihn dadurch als Prozess, nicht als Zustand. In ihrem Vortrag zu Sterbe­konstruk­tionen im Vermittlungs­kontext legte Melanie Pierburg (Hildesheim) dar, wie der sinn­bildliche »Akt des Loslassens« als Metapher für das Sterben im Hospiz ver­handelt und dadurch zu einem erfahr­baren Gegen­stand gemacht wird.

 

Der Berliner Fotograf Patrik Budenz (Berlin) führte mit einer Bild­aus­wahl in die Thema­tik der Rechts­medizin und Leichen­auffindungs­situa­tionen ein. Ent­lang der Grenzen von Nähe und Distanz lieferte er den ZuschauerInnen ein »ästhetisches Angebot« und lud im Zwie­gespräch mit Thorsten Benkel dazu ein, sich des Komplexes Fotografie und Tod im Lichte je eigener Bilddeutungen zu öffnen. Den Abschluss der Tagung bildete der Vortrag von Ronald Hitzler (Dortmund), welcher sich mit einer Analyse der Empfindung, Erläuterung, Reflexion, Kundgabe und Deutung von Trauer beschäftigte und dabei aufzeigte, wie sich Trauer­gefühle im Kontrast zwischen subjektiven und kollektiven Empfindungen äußern.

 

Die Vielfalt der Zugänge, Methoden und Erkenntnisse, die im Rahmen der Tagung vorgestellt und lebhaft diskutiert wurden, hat zweifellos deutlich gemacht, dass die For­schung zum Lebensende mehr denn ein frucht­bares Sujet ist, das zahl­reiche Chancen zur inner- und inter­dis­zipli­nären Ver­netzung bereithält und künftig über seine rand­ständige Position innerhalb des sozial­wissen­schaft­lichen Diskurses hinaus an Bedeutung zu gewinnen verspricht. Die einzelnen Vorträge sollen in einem Tagungsband doku­men­tiert werden, der voraus­sichtlich 2019 erscheint.


Herz­lich will­kom­men auf der Seite fried­hofs­so­zio­lo­gie.de! Sie fin­den hier eine Do­ku­men­ta­tion un­se­rer so­zial­wis­sen­schaft­lichen For­schungs­ar­beit. Wir sind So­zio­lo­gen, die seit mehreren Jahren die Ver­bin­dung von Tod und Ge­sell­schaft un­ter­suchen und – ne­ben vie­lem an­de­ren – zu die­sem Zweck auch den Fried­hof un­ter die Lu­pe neh­men. Auf die­ser Seite, die stän­dig aus­ge­baut wird, möch­ten wir einen Ein­blick in un­se­re Ar­beit bie­ten. Da­zu ge­hört ne­ben ver­schie­de­nen Ele­men­ten der em­pi­ri­schen So­zial­for­schung (Feld­for­schung, In­ter­views, Do­ku­men­ten­ana­lyse) ins­be­son­de­re die Do­ku­men­tation, Ka­ta­lo­gi­sie­rung und Ana­lyse von Bild­ma­te­rial. Un­se­re Pro­jekt­archiv be­her­bergt ge­gen­wär­tig über 62.000 Fo­tos von über 1.050 Fried­höfen, von de­nen wir Ihnen hier re­gel­mäßig ei­ni­ge Bei­spie­le vor­stel­len. Wir hof­fen, dass un­se­re Seite für Sie in­ter­es­san­te Ein­blicke be­reit hält.