Bericht zur Tagung

»Körper – Wissen – Tod«

 

Am 25. und 26. Mai 2018 ver­anstal­teten wir in Zusammen­arbeit mit der Sektion Wissens­soziologie der Deutschen Gesell­schaft für Sozio­logie an der Uni­versität Passau eine sozial­wissenschaft­liche Fach­tagung zu dem Thema »Körper – Wissen – Tod«.   

Die zahl­reich be­suchte Veran­stalt­ung adressierte sowohl VertreterInnen aus Wissen­schaft und Praxis als auch intere­ssierte BesucherInnen und Studie­rende. Ziel war es, wissen­schaft­liche Per­spek­tiven auf gesell­schaft­liche Fragen zum Lebens­ende zu ent­werfen. Die insgesamt 16 Vorträge wurden von regem Aus­tausch und kontro­versen Debatten begleitet.

 

Den Anfang machte Thorsten Benkel (Passau), der sich der Thematik unter wissens­soziolo­gischen Vorzeichen annäherte. Mit besonderem Fokus auf Körper­lich­keit sowie u.a. am Beispiel des vergessenen Klassikers Max Scheler versuchte Benkel zu zeigen, dass das, was Tod genannt wird, immerzu das Produkt einer spezi­fischen Wissens­for­mation ist. Anschließend fokussierte Werner Schneider (Augsburg) Sterben als sozialen Prozess und entwarf eine dispositiv­analy­tische Per­spektive auf das Lebens­ende. Dabei beleuchtete er das »gute Sterben« als ein Projekt nicht nur für den Sterbenden selbst, sondern auch für die Ange­hörigen.

 

Den Tod als »Problem der Lebenden« thema­tisierte auch Matthias Meitzler (Passau) anhand des sozialen Wandels im Umgang mit Ster­benden und der Tabui­sierung des Todes. Den Aus­gangs­punkt bildeten Norbert Elias‘ Betrach­tungen über die »Ein­sam­keit der Ster­benden in unseren Tagen«, die Meitzler vor dem Hinter­grund eigener For­schungen auf ihre empirische Aktualität hin überprüfte. Zsofia Schnelbach (Passau) gab Einblicke in ihre For­schungen zur Symbol­kraft des kindl­ichen Körpers bei stiller Geburt. Hierzu führte sie Inter­views mit Eltern, deren Kind tot zur Welt gekommen ist und die somit einer Para­doxie von Begrüßung und Abschied aus­gesetzt sind. Patrick Reitinger (Bamberg) führte die Thema­tik der Schwanger­schaft in seinem Vortag zur Ver­räumlichung von Körper­lichkeit weiter fort und zeichnete den Konflikt zwischen Materia­lität bzw. Körper­lich­keit und einem juris­tischen Lebens­konstrukt nach. Anhand aufschluss­reicher Studien zur Trans­mortalität veran­schaulichte Hubert Knoblauch (Berlin) u.a, dass zwischen Anspruch und Wirklich­keit des Organ­spende­aus­weises eine Lücke klafft, die von institu­tionellen Stellen bislang aller­dings un­zureichend berück­sichtigt wird.

 

Der zweite Veranstaltungs­tag wurde von Ulrike Wohler (Hannover) eröffnet. In ihrem Vortrag beschäftigte sie sich mit der gewandelten Sicht­weise auf die Vergäng­lich­keit des Lebens. Während besonders im Mittel­alter das Vanitas-Motiv öffentlich über alle Stände hinweg bewusst ver­handelt wurde, sehen wir den Tod heute vermehrt als ein Tabu­thema. Mit einem empirischen Ansatz beleuchtete Ursula Engelfried-Rave (Koblenz) die Bedeu­tung von Trauer-Tattoos. Die Haut fungiere dabei als ein Ort der Trauer, der Trauernde ständig begleite und eine Alternative zu her­kömm­lichen Trauer­orten sein könne. Ekkehard Knopke (Weimar) demon­strierte anhand eines ethno­gra­fischen Projekts im professio­nellen Bestattungs­kontext, auf welchen Wegen Geschlecht­lichkeit in diesem Setting kommuni­kativ kon­struiert wird. Auch Katharina Mayr und Niklas Barth (München) stellten die Kommuni­kation in den Mittel­punkt ihrer Unter­suchungen zum bewussten Sterben in der multi­professio­nellen Sterbe­be­gleitung. Dem »Schlamassel des Sterbens«, wonach Sterbende die ihnen zu­gewiesene Rolle zurück­weisen, wurde eine ideale Vor­stellung vom »guten Sterben« ent­gegen­gesetzt, die kommuni­ka­tiv ver­handelt und insbesondere in der Adressierung der Sterbenden durch professionelle Akteure sichtbar werde.

 

Lea Sophia Lehner (Passau) nutzte in ihrem Vortrag die elementaren Begriffe Feld, Kapital und Habitus von Pierre Bourdieu, um auf die Ursachen für Selbst­tötung in unserer Gesell­schaft ein­zu­gehen. Der Vortrag von Miriam Sitter (Hildesheim) widmete sich der Bedeutung von himml­ischen Sinn­bildern im Kontext tröstlicher Kinder­literatur bei der Trauer­begleitung für Kinder. Isabelle Bosbach (Bochum) ordnete in ihren Aus­führungen zur Kryonik, eine Konser­vierungs­methode durch Ein­frierung, den Tod als Phase des Lebens ein und definierte ihn dadurch als Prozess, nicht als Zustand. In ihrem Vortrag zu Sterbe­konstruk­tionen im Vermittlungs­kontext legte Melanie Pierburg (Hildesheim) dar, wie der sinn­bildliche »Akt des Loslassens« als Metapher für das Sterben im Hospiz ver­handelt und dadurch zu einem erfahr­baren Gegen­stand gemacht wird.

 

Der Berliner Fotograf Patrik Budenz (Berlin) führte mit einer Bild­aus­wahl in die Thema­tik der Rechts­medizin und Leichen­auffindungs­situa­tionen ein. Ent­lang der Grenzen von Nähe und Distanz lieferte er den ZuschauerInnen ein »ästhetisches Angebot« und lud im Zwie­gespräch mit Thorsten Benkel dazu ein, sich des Komplexes Fotografie und Tod im Lichte je eigener Bilddeutungen zu öffnen. Den Abschluss der Tagung bildete der Vortrag von Ronald Hitzler (Dortmund), welcher sich mit einer Analyse der Empfindung, Erläuterung, Reflexion, Kundgabe und Deutung von Trauer beschäftigte und dabei aufzeigte, wie sich Trauer­gefühle im Kontrast zwischen subjektiven und kollektiven Empfindungen äußern.

 

 

Die Vielfalt der Zugänge, Methoden und Erkenntnisse, die im Rahmen der Tagung vorgestellt und lebhaft diskutiert wurden, hat zweifellos deutlich gemacht, dass die For­schung zum Lebensende mehr denn ein frucht­bares Sujet ist, das zahl­reiche Chancen zur inner- und inter­dis­zipli­nären Ver­netzung bereithält und künftig über seine rand­ständige Position innerhalb des sozial­wissen­schaft­lichen Diskurses hinaus an Bedeutung zu gewinnen verspricht. Die einzelnen Vorträge sollen in einem Tagungsband doku­men­tiert werden, der voraus­sichtlich 2019 erscheint.


Grabstein des Monats

Juni 2018

 

30 Meter ragt sie in die Höhe, ihre Arme hat sie weit aus­gestreckt, ihr Blick ist auf den Zucker­hut gerichtet, und unter ihr breitet sich die Metro­pole von Rio de Janeiro aus. Die welt­be­rühmte Cristo Redentor ist nicht nur brasilia­nisches Wahr­zeichnen, Touristen­magnet und Vor­bild für weitere Christus­stauen an ande­ren Orten, son­dern findet in Miniatur­format offen­sichtlich auch als Grab­steinmotiv Verwendung. Ob im vorliegenden Fall der christliche Glaube zum Aus­druck gebracht oder auf ein beliebtes Reise­ziel der Ver­stor­benen ver­wiesen wird (oder beides), lässt sich nicht sicher sagen. Mög­licher­weise ist diese Mehr­deutig­keit aber auch be­wusst beab­sichtigt, wie mittler­weile auch zahl­reiche wei­tere Grab­ge­stal­tungen nahe­legen, die Sie in unseren Bildergalerien be­staunen können.


REZENSION

Ulrich Volp (Hg., 2016): Tod. Tübingen: Mohr Siebeck.

 

Das Thema Tod wird in der vorliegenden Neuerscheinung, deren Herausgabe Ulrich Volp besorgt hat, aus theologischer und ethischer Sicht behandelt. Ein zentraler Aspekt ist der – kulturhistorisch immer wieder thematisierte und umstrittene – Aspekt der Endlichkeitsaussicht, die den Menschen kennzeichnet: »So oder so kann das Leben und die Art, wie es zu gestalten ist, nicht unbeeinflusst bleiben von der eingehenden Betrachtung seiner Endlichkeit.« Angesichts dieser Gewissheit stellt sich die Frage nach stabilen, den sozialen Wandel unbeschadet überstehenden Leitlinien, die das (ja nun auch und gerade psychologische) Endlichkeitsschicksal zumindest mindern. Religiöse Angebote gibt es diesbezüglich reichlich, und in dieser Vielfalt liegt denn auch ein Problem: »In den biblischen und kirchengeschichtlichen Quellen begegnet uns ein außerordentlich vielfältiges und vielschichtiges Bild, und auch in der Gegenwart gibt es keinen Konsens über den richtigen evangeliumsmäßigen Umgang mit dem Tod.«

 

Angebote hängen auch auf dem transzendentalen Markt mit der Nachfrage zusammen. Wenn säkulare Trauerfeiern »oft bis in kleinste Detail hinein« den konfessionellen Ritualen ähneln, wie der Herausgeber gleich zu Beginn des Sammelbandes betont, so wiegt eben doch der Unterschied schwerer – der dezidierte Wunsch der Hinterbliebenen nämlich, vielleicht auch der Verstorbenen zu Lebzeiten, das Ritual anders auszuflaggen. Gerade dies wiederum macht den christlichen Umgang mit dem Tod in buchstäblicher Weise fragwürdig – welche Bedeutung kommt ihm heute noch zu? Interessierten wird eine große Bandbreite detaillierter Betrachtungen geboten. Thematisiert werden u.a. biblische Aspekte von Sterben und Tod, altorientalische Konzepte, die antike Ars moriendi, die Idee des ewigen Lebens, Fragen der auf den Tod bezogenen theologischen Ethik und die zeitgenössische Bestattungskultur.

 

Gerade in den gegenwärtigen Zeiten, in denen Religion so weit von einer Hegemonialstellung als Naturerklärungsinstanz entfernt ist wie wohl noch nie zuvor, ist es reizvoll, sich im Kontext der Beiträge auf eine Reise durch die eben doch theologische Perspektive auf das Phänomen Tod (mitsamt Sterben, Trauer usw.) einzulassen. Denn hier werden Sichtweisen und durchaus auch Argumente dafür aufgeboten, weshalb das Lebensende sich schlechterdings nicht völlig säkular betrachten lässt. Streiten kann man darüber trefflich – aber zum Streiten braucht man brauchbares Gedankenfutter, und dies wird in Volps Sammelband geboten.


AKTUELLES DRITTMITTELPROJEKT:

 

»Die Pluralisierung des Sepulkralen«

Empirisches Forschungsprojekt an der Universität Passau

 

Der Tod eines nahe­stehenden Men­schen führt in der Lebens­welt seiner Ange­hörigen meist zu heftigen Erschütte­rungen. Dabei wird der Verlust mit emotio­nalen Reaktionen beant­wortet, in erster Linie mit Trauer. Die Sozio­logie versteht Trauer als Kultur­produkt, das nicht unab­hängig von sozia­len Normen, Werten und Deutungs­mustern gedacht wer­den kann. Im so­ziologischen Fokus steht darum die Gemeinschaft, die den Verlust eines Mit­gliedes zu bewältigen hat. Die genau­ere Betrach­tung zeigt: Der Tod ist nicht nur eine biolo­gische, sondern auch und vor allem eine soziale Tatsache – und mit Trauer verbun­den ist immer auch das An­denken und Erinnern sozialer Verhältnisse.

 

Die Art und Weise, wie Menschen sterben, wie sie bestattet, betrauert und erinnert werden unterliegt dem gesell­schaftlichen Wandel und lässt sich längst nicht mehr ver­bind­lich bestimmen. So viel­schichtig wie die einzelnen Lebens­entwürfe heutzu­tage sind, so facetten­reich ist auch der Um­gang mit dem Lebens­ende ge­worden. Dabei lässt sich eine all­mäh­liche Los­lösung von traditio­nellen Kon­zepten beob­achten. Das Suchen und Finden von eigenen Trauer­stra­te­gien, die sich sowohl hinter, als auch auf den Ku­lis­­sen der Öffent­lich­keit abspielen kön­nen, gehört zu den Anfor­derungen in der modernen Gesell­schaft. Mit dem Schwin­den von 

von sozialer Kontrolle wächst der individuelle Entscheidungsspielraum - und mit ihm mehren sich die Möglichkeiten, ein autonomes Trauerverhalten darzulegen. 

 

Aufbauend auf theoretische und empi­rische Vorarbeiten zum Kontext Tod und Ge­sell­schaft und zum Wandel der Bestattungs­kultur nimmt das Projekt eine Soziologie der Trauer in den Fokus. Mit qualitativen Metho­den der empiri­schen Sozial­forschung wer­den die Ausdrucks­weisen von und die Umgangs­weisen mit Trauer vor dem Hinter­grund der Plurali­sierung von Sinnan­geboten und angesichts der Individuali­sierung unter­sucht. Dabei werden u.a. folgende Fragen berührt:

 

  • Durch welche Praktiken drückt sich Trauer aus und welche Funk­tion erfüllt sie?
  • Inwiefern unterliegen Trauer­handlungen der sozialen Kon­trolle, inwiefern gibt es Gestaltungs­frei­räume?
  • Welche Bedeutung haben Räum­lichkeit, Materia­lität und Körper­lichkeit im Zu­sam­menhang mit Trauer­?
  • Welche Bedeutung kommt dem Friedhof als Ort von Trauer und Erinnerung in der modernen Gesellschaft zu? In welchem Verhältnis steht er zu alternativen Räu­men der Trauer (z. B. dem Internet)?

 

Auch Sie können unsere Forschung unter­stützen. Gerne würden wir mit Ihnen über Ihre Erfah­rungen und An­sichten zur Sterbe-, Bestattungs- und Trauer­kultur sprechen. Auf diese Weise können wir soziale Verände­rungen, neue Strö­mungen und Probleme im Kontext von Tod und Gesell­schaft ermitteln. Sie können gerne selbst entschei­den, ob Sie ein Telefon­gespräch, eine per­sön­liche Unter­haltung oder eine schriftliche Be­fragung bevor­zu­gen, und Sie können ebenfalls entscheiden, wie lange, zu welchen Inhal­ten und ggf. wo Sie sich mit uns unter­hal­ten möchten. Selbst­ver­ständlich sichern wir Ihnen Dis­kretion und vollständige Anonymi­tät zu. Mit Ihrer Unter­stützung würden Sie einen bedeut­samen Erkenntnis­gewinn leisten, denn ohne Ihre Mit­wirkung ist eine Ergrün­dung dieses wichtigen gesellschaft­lichen Themas nicht möglich. Zu unseren Kontakt­daten gelangen Sie hier.


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