Grabstein des Monats

April 2018

 

Antoine de Saint-Exupérys Geschichte vom kleinen Prinzen (Erst­veröffent­lichung am 6. April 1943 in New York) rührt seit fast auf den Tag genau 75 Jahren Genera­tionen von Lesern zu Tränen. Sie handelt von einem Piloten, der nach einer Not­landung in der Wüste auf den kleinen Prinzen trifft. Dieser be­richtet ihm von seinem Heima­tplaneten, seinen Reisen durch das Uni­versum und seiner unent­wegten Suche nach Freunden. Die Erzäh­lung ist vor allem für ihren hohen Symbol­gehalt bekannt: Liebe, Sehns­ucht, Einzig­artig­keit – zwischenmenschliche Werte, die nicht zuletzt dann von Bedeutung sind, wenn es darum geht, sich von einer ge­liebten Per­son zu verab­schie­den, sich an sie zu erinnern und die einmalige Beziehungsquali­tät zum Ausdruck zu bringen. Es ist daher kein Zufall, dass man dem kleinen Prinzen mittler­weile in zahlreichen Varianten auch auf dem Fried­hof begegnen kann – nicht nur an Kinder­gräbern, wie unser neuester Grab­stein des Monats beweist. 


AKTUELLES DRITTMITTELPROJEKT:

 

»Die Pluralisierung des Sepulkralen«

Empirisches Forschungsprojekt an der Universität Passau

 

Der Tod eines nahe­stehenden Men­schen führt in der Lebens­welt seiner Ange­hörigen meist zu heftigen Erschütte­rungen. Dabei wird der Verlust mit emotio­nalen Reaktionen beant­wortet, in erster Linie mit Trauer. Die Sozio­logie versteht Trauer als Kultur­produkt, das nicht unab­hängig von sozia­len Normen, Werten und Deutungs­mustern gedacht wer­den kann. Im so­ziologischen Fokus steht darum die Gemeinschaft, die den Verlust eines Mit­gliedes zu bewältigen hat. Die genau­ere Betrach­tung zeigt: Der Tod ist nicht nur eine biolo­gische, sondern auch und vor allem eine soziale Tatsache – und mit Trauer verbun­den ist immer auch das An­denken und Erinnern sozialer Verhältnisse.

 

Die Art und Weise, wie Menschen sterben, wie sie bestattet, betrauert und erinnert werden unterliegt dem gesell­schaftlichen Wandel und lässt sich längst nicht mehr ver­bind­lich bestimmen. So viel­schichtig wie die einzelnen Lebens­entwürfe heutzu­tage sind, so facetten­reich ist auch der Um­gang mit dem Lebens­ende ge­worden. Dabei lässt sich eine all­mäh­liche Los­lösung von traditio­nellen Kon­zepten beob­achten. Das Suchen und Finden von eigenen Trauer­stra­te­gien, die sich sowohl hinter, als auch auf den Ku­lis­­sen der Öffent­lich­keit abspielen kön­nen, gehört zu den Anfor­derungen in der modernen Gesell­schaft. Mit dem Schwin­den von 

von sozialer Kontrolle wächst der individuelle Entscheidungsspielraum - und mit ihm mehren sich die Möglichkeiten, ein autonomes Trauerverhalten darzulegen. 

 

Aufbauend auf theoretische und empi­rische Vorarbeiten zum Kontext Tod und Ge­sell­schaft und zum Wandel der Bestattungs­kultur nimmt das Projekt eine Soziologie der Trauer in den Fokus. Mit qualitativen Metho­den der empiri­schen Sozial­forschung wer­den die Ausdrucks­weisen von und die Umgangs­weisen mit Trauer vor dem Hinter­grund der Plurali­sierung von Sinnan­geboten und angesichts der Individuali­sierung unter­sucht. Dabei werden u.a. folgende Fragen berührt:

 

  • Durch welche Praktiken drückt sich Trauer aus und welche Funk­tion erfüllt sie?
  • Inwiefern unterliegen Trauer­handlungen der sozialen Kon­trolle, inwiefern gibt es Gestaltungs­frei­räume?
  • Welche Bedeutung haben Räum­lichkeit, Materia­lität und Körper­lichkeit im Zu­sam­menhang mit Trauer­?
  • Welche Bedeutung kommt dem Friedhof als Ort von Trauer und Erinnerung in der modernen Gesellschaft zu? In welchem Verhältnis steht er zu alternativen Räu­men der Trauer (z. B. dem Internet)?

 

Auch Sie können unsere Forschung unter­stützen. Gerne würden wir mit Ihnen über Ihre Erfah­rungen und An­sichten zur Sterbe-, Bestattungs- und Trauer­kultur sprechen. Auf diese Weise können wir soziale Verände­rungen, neue Strö­mungen und Probleme im Kontext von Tod und Gesell­schaft ermitteln. Sie können gerne selbst entschei­den, ob Sie ein Telefon­gespräch, eine per­sön­liche Unter­haltung oder eine schriftliche Be­fragung bevor­zu­gen, und Sie können ebenfalls entscheiden, wie lange, zu welchen Inhal­ten und ggf. wo Sie sich mit uns unter­hal­ten möchten. Selbst­ver­ständlich sichern wir Ihnen Dis­kretion und vollständige Anonymi­tät zu. Mit Ihrer Unter­stützung würden Sie einen bedeut­samen Erkenntnis­gewinn leisten, denn ohne Ihre Mit­wirkung ist eine Ergrün­dung dieses wichtigen gesellschaft­lichen Themas nicht möglich. Zu unseren Kontakt­daten gelangen Sie hier.


Herz­lich will­kom­men auf der Seite fried­hofs­so­zio­lo­gie.de! Sie fin­den hier eine Do­ku­men­ta­tion un­se­rer so­zial­wis­sen­schaft­lichen For­schungs­ar­beit. Wir sind So­zio­lo­gen, die seit mehreren Jahren die Ver­bin­dung von Tod und Ge­sell­schaft un­ter­suchen und – ne­ben vie­lem an­de­ren – zu die­sem Zweck auch den Fried­hof un­ter die Lu­pe neh­men. Auf die­ser Seite, die stän­dig aus­ge­baut wird, möch­ten wir einen Ein­blick in un­se­re Ar­beit bie­ten. Da­zu ge­hört ne­ben ver­schie­de­nen Ele­men­ten der em­pi­ri­schen So­zial­for­schung (Feld­for­schung, In­ter­views, Do­ku­men­ten­ana­lyse) ins­be­son­de­re die Do­ku­men­tation, Ka­ta­lo­gi­sie­rung und Ana­lyse von Bild­ma­te­rial. Un­se­re Pro­jekt­archiv be­her­bergt ge­gen­wär­tig über 61.000 Fo­tos von über 1.050 Fried­höfen, von de­nen wir Ihnen hier re­gel­mäßig ei­ni­ge Bei­spie­le vor­stel­len. Wir hof­fen, dass un­se­re Seite für Sie in­ter­es­san­te Ein­blicke be­reit hält.