Bericht über die sozialwissenschaftliche Tagung

 

ERKUNDUNGEN DES UNGEWOHNTEN 

 

Empirisches Forschen in außergewöhnlichen Kontexten

 

Universität Passau, 11./12. Juni 2021

Am 11. und 12. Juni 2021 fand die an der Universität Passau organisierte sozialwissenschaftliche (Online-)Fachtagung »Erkundungen des Ungewohnten« statt. Thematisch rückten die Organisatoren Thorsten Benkel und Matthias Meitzler verschiedene Dimensionen der empirischen Befragung und theoretischen Reflexionen des sonst Unbefragten in den Fokus.

 

Eröffnet wurde die Tagung durch einen Vortrag von Thorsten Benkel (Passau) über die Erforschung des Verborgenen: Zum einen werde durch Wissen und dessen Generierung auch immer das (Noch-)Nicht-Gewusste bzw. potenziell Wissbare vergegenwärtigt, und der serendipity effect zeige, dass auch das Feld ungefragt Antworten liefert, die das Fremdverstehen herausfordern können. Zum anderen existiere das Problem des Übergangs von der wissenschaftlichen Sinnwelt in die des Alltags. Matthias Meitzler (Passau) veranschaulichte, was ungewöhnlich erscheinende Forschungsgegenstände sowie Forschungspraktiken im Feld bedeuten. Die Enttäuschung feldexterner Normalitätserwartungen könne nicht nur bei den Forschenden, sondern auch bei den Rezipient*innen von Forschungsergebnissen für Irritation sorgen.

 

Michael Ernst-Heidenreich (Koblenz) stellte seine Forschungsperspektive situativer Nicht-Alltäglichkeit für die Erforschung von aus Irritationen hervorgehenden Dynamiken vor. Alltag sei von der situativen Nichtalltäglichkeit zu unterscheiden, weil letztere räumlich, sozial und zeitlich verdichtete und auf das Hier und Jetzt fokussierte Situationen bestimme, die den Nährboden neuer Beziehungen, Formationen und intersubjektiver Bedeutungszumessungen bilde. Melanie Pierburg (Hildesheim) ging in ihrem Vortrag dem ungewohnten Selbst im wissenschaftlichen Kontext auf den Grund. Zunächst bestimmte sie Alltag sozialphänomenologisch als Modus der selbstverständlichen Weltauslegung und das Ungewohnte als eine gescheiterte Auslegung in ein lebensweltliches Passungsverhältnis. Am Beispiel der ehrenamtlichen Sterbebegleitung veranschaulichte sie, wie das Ungewohnte im Rahmen einer autoethnografischen Vignette zum Vorschein kommen kann. Christoph Nienhaus (Bonn) legte dar, dass eine rechtssoziologische Perspektive mehr als die Unterscheidung zwischen erlaubt/nicht erlaubt gewährleiste und verschiedene soziale Ordnungen einzelner, ungewohnter Felder einer pluralisierten Gesellschaft in den Blick nehmen könne. Um die Entstehung und Aufrechterhaltung sozialer Normen, wie ihrer Abweichung zu erklären, müsse Recht als Kultur verstanden werden. Am Beispiel der COVID-19 Pandemie schilderten Julia Huber und Nadine Müller (beide Jena), wie diese ein das Ungewohnte antizipierende und simulierende Forschungsvorhaben verhinderte und wie sich daraus neue Fragen zum Verhältnis von antizipierten und realen Herausforderungen forschungspraktisch einstellen.

 

In der abendlichen Keynote entfaltete Manfred Prisching (Graz) am Beispiel von drei Phänomenen einige Thesen zur Relation von Alltag und Irritation. Erstens offenbarte die Reflexion über den Alltag in der Schlussepoche der Habsburger Monarchie, dass ein individuell gewöhnlicher Alltag verschieden zu anderen Alltagen unterschiedlicher Milieus desselben Imperiums sein kann und untereinander nicht immer Anschlussfähigkeit besteht. Zweitens konkretisierten autoethnografische Reflexionen über das einwöchige Festsitzen in einem Hotel in New Orleans während des Hurricans Catharina im Jahr 2005 das Ausmaß der Verunsicherungen durch die Darstellung der gestörten, ehemals normalen Erwartungsbildung. Drittens ließ sich aus der durch die COVID-19 Pandemie irritierten Gewohnheiten ab 2020 ein Gradualismus der Unterscheidung zwischen gewohnt und ungewohnt ableiten, der sich in der (De-)Legitimation von Freiheitsbeschränkungen äußere.

 

Den zweiten Tag eröffnete Ingmar Mundt (Passau) mit einem Blick auf die unbekannte Facette der Zukunftskonstruktion. Gegenwärtige Zukünfte seien zwar hinsichtlich ihrer Möglichkeiten offen, aber die zukünftige Gegenwart sei durch vergangene und gegenwärtige Entscheidungen vorstrukturiert. Frank-Holger Acker (Hannover) präsentierte die Analyse eines ungeplanten autoethnographischen Krisenexperiments. Als Polizist und promovierter Soziologe wollte er durch die Realisierung eines Lehrauftrags am wissenschaftlichen Diskurs teilnehmen. Dem stand jedoch ein vom ASTA eingelegtes Veto gegenüber. Durch eine Differenzierung in Massenkommunikation, Hinter- und Vorderbühne rekonstruierte er den Kommunikationsverlauf mit Blick auf Ereignisse, Inhalt, Zeitpunkt, involvierte Akteure und die Relationen dieser Aspekte zueinander.

Der Vortrag von Julia Sellig (Passau) gab Einblicke in die Kopplung zwischen selbstlernender Medizintechnologie und Diabetiker*innen. Die Aufnahme der Körperdaten von dem selbstlernenden System stelle eine einseitige Einleibung dar, die zu einer wechselseitigen Einleibung werde, wenn und weil sie den Nutzenden eine leibliche Gewohnheit biete. Ekkehard Coenen (Weimar) diskutierte seine Untersuchungen zu im Darknet veröffentlichten Gewaltvideos und zeigte, dass die Kommunikation über Gewaltvideos von unterschiedlichen feldinternen wie -externen Akteuren durch eine Verrätselung und Akzentuierung der Abweichung gekennzeichnet ist. 

 

Mit dem Phänomen der Abweichung war auch Christian Thiel (Augsburg) in seiner Forschung über betrügerische Praktiken konfrontiert. Soziolog*innen seien in diesem Feld mit der Herausforderung konfrontiert, zwischen strategisch gesetzter Wirklichkeit und nicht an intersubjektive Deutungen anschließbare subjektive Wirklichkeit zu unterscheiden. Leonie Schmickler (Passau) thematisierte den weiblichen Intimbereich als Austragungsort gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse. Die Unwissenheit über die Beschaffenheit des Vaginalkränzchens, patriarchalische Gesellschaftsstrukturen und die medizinische Hymen(re)konstruktion hielten den Mythos vom Jungfernhäutchen indes aufrecht. In diesem Sinne liege das Problem nicht im Schoß der Frau, sondern in den gesellschaftlich vermittelten Selbst- und Weltverhältnissen.

Teresa Geisler (Berlin) beleuchtete in ihrem Vortrag, wie und warum sich das Phänomen Chemsex von anderen Formen des Geschlechtsverkehrs unter Substanzgebrauch unterscheidet. Ausschlaggebend hierfür seien die Dimensionen Vulnerabilität, Risiko, Lust, Technologie und Versagen der Autoritäten. Chemsex könne als Versuch einer (schwulen) Kollektivierung von intimen Erfahrungen unter neoliberalen Bedingungen verstanden werden. Den Tagungsabschluss bildete der Vortrag von Andreas Ziemann (Weimar), der die ethnografische Arbeit zur Steuerfahndung im Bordell vorstellte. Anhand von Beispielen aus dem Feld legte er dar, inwiefern Interaktionen mit feldexternen Akteuren vorstrukturiert sind und die beobachtete Berufspraxis einer ständigen Selbstdisziplinierung unterliegt.

 

Die Tagung ließ eine große Brandbreite ungewöhnlicher Forschungssituationen und -gegenstände erkennen. Unfreiwillige Autoethnografien krisenhafter Situationen wurden ebenso anschaulich dargestellt, wie die forschende Störung der Normalitätskonzepte des Feldes. In diesem Sinne wurden sowohl Einblicke in als ungewöhnlich geltende Phänomene geboten als auch reflektiert, welche Herausforderungen sich daraus für die (ethnografische) Forschungspraxis und die Forschenden ergeben.

 

von Isabelle Bosbach 


UNSER NEUES BUCH IST ERSCHIENEN!

 

Wissenssoziologie des Todes

Weinheim/Basel 2021

 

Sterben, Tod und Trauer sind keine substanziellen Leiberfahrungen oder anthropologisch vordefinierten Verhaltensmechanismen. Tatsächlich handelt es sich um Wissensbestände und darauf bezogene Praktiken, die als bloß vermeintliche ›Natur des Menschen‹ verinnerlicht werden. Das Ende des Lebens ist weit mehr als der biologisch-reduktionistisch interpretierte Abschluss der Funktionstüchtigkeit des menschlichen Körpers. Die entscheidenden Prozesse sind nicht unabhängig von Sinnsetzungen und Aushandlungen. Vielmehr muss das gesellschaftlich so verstandene Lebensende als je vorläufiges Ergebnis einer epistemologischen Debatte angesehen werden, die sich permanent im Wandel befindet. Was könnte Wissen über den Tod also anderes sein als das Resultat einer kulturabhängigen Standortbestimmung?

 

Das Buch kann hier kostenlos als E-Book heruntergeladen werden.


Aktuelles Forschungsprojekt - verlängert bis 2021:

 

»Artefakt und Erinnerung. Zur Transformation von Materialität im Erinnerungskontext«

 

Kooperationsprojekt der Universitäten Passau und Rostock

 

 

Die Kultur des Trauerns unterliegt einem permanenten Wandel. Sie reagiert auf gesellschaftliche Transformationsvorgänge und reproduziert diese im Spiegel neuer Ritualformate und innovativer Konzepte. Eine wissenschaftliche Analyse verspricht eine Erhellung der hier konstatierbaren Vielfalt und Ausdifferenzierungen – und damit auch eine Aufschlüsselung der Interessen und Bedürfnisse von Akteuren im funeralen Feld.

 

Entscheidend ist insbesondere die Rolle der Materialität. Exemplarisch soll der Umgang mit so genannten »Erinnerungsdiamanten« untersucht werden. Im Trauerprozess von Hinterbliebenen, die sich dazu entschieden haben, die Kremationsasche ihres verstorbenen Angehörigen in Form einer kristallinen Preziose aufzubewahren, spielen diese Artefakte offenkundig eine wichtige Rolle. Welche Erwartungen, Motivlagen und Interessen werden dabei ausagiert bzw. verwirklicht? Das hier projektierte Vorhaben soll Fragen des Umgangs (Pragmatik) mit Fragen der Ästhetik verbinden, die im Kontext von Trauerprozessen eine besondere Bedeutung erlangen.

 

Im Unterschied zu Reliquien, die einem durch die natürlichen Todesfolgen transformierten Körperteil eines Menschen von exponierter Heiligkeit entstammen (zumeist Knochen), ist es hier ein ästhetisiertes Artefakt, das in seiner Substanz den Verstorbenen gewissermaßen technisch – und möglicherweise auch ideell – in »zweiter Ableitung« symbolisiert. Erinnerungsdiamanten stehen nicht zwingend im Widerspruch zum traditionellen Friedhof. Ein juristisch offenes Problem (in Deutschland) ist die Partikularisierung der Asche. Die von der Bestattungspflicht vorausgesetzte immobile Verortung der sterblichen Überreste (Friedhofsgrab, Totenruhe) gerät hier in einen Kontrast zur Mobilität (der Diamant kann auch körpernah als Schmuck getragen werden). Bei den verschiedenen Formen des Umgangs mit der Kremierungsasche ist hier ein besonderes Augenmerk auf die schon praktizierten, gestuften Übergänge zu richten (Friedhof/Friedwald/Seebestattung/ häusliche Schmuckurne/Asche am Urlaubsort/ Asche als Tattoo bzw. Asche als Gemälde. usw.).

 

Analog zum biologischen Gestaltwechsel der Leiche im Grab ist auch im Prozess der Diamantpressung die Transformation den Blicken der Angehörigen entzogen. Sinnlich wahrnehmbar (taktil, optisch) ist jeweils ein zunächst invariantes Endprodukt. Doch anders als das immobile Grab auf dem Friedhof entsteht hier ein Erinnerungsgegenstand, der für die Angehörigen ambulant handhabbar wird. Aus Angehörigen werden nun auch Eigentümer. Der Kauf des Diamanten stellt also eine formalisierte Form der Wiederaneignung des Verstorbenen dar.

 

Soziologisch lässt sich argumentieren, dass Artefakte das soziale Leben auf vielfältige Weise verändern und bestimmen – dies trifft hier umso mehr, als nicht irgendwelche zweckdienlichen, sondern humanoide Artefakte im Zentrum stehen. Wenn hier immer auch Veredelungen in Form von Schmuckeinfassungen oder Glaskunst von den Hinterbliebenen bzw. Kunden angewählt werden, dann erhöht dies die Komplexität der Person-Sach-Relation und eröffnet neue Formen der Koordination von Artefakten. Wie und wo werden die Erinnerungsdiamanten positioniert? Welche Arrangements werden präferiert? Und wie verändert sich möglicherweise beides im Trauerprozess? Ein Augenmerk wird auch darauf zu richten sein, inwiefern sich aus der häuslichen Aufbewahrung bestimmte Sachzwänge ergeben (z. B. Geheimhaltung gegenüber Gästen, Präsenz des Verstorbenen im häuslichen Umfeld, Fetischcharakter).

 

In jedem Fall konstituieren sich durch die Anwesenheit von Erinnerungsdiamanten neue Sinnzusammenhänge, in denen die Artefakte auf eine je spezifische Weise in Erscheinung treten und in eine – geordnete? – Beziehung zu anderen Gegenständen, Handlungen und Wahrnehmungsweisen gesetzt werden. Welche Formen der Personifizierung werden gewählt? Firmiert der Diamant als ein personales »Er« bzw. eine »Sie«, oder ein sächliches »Es«?


Herz­lich will­kom­men auf der Seite fried­hofs­so­zio­lo­gie.de! Sie fin­den hier eine Do­ku­men­ta­tion un­se­rer so­zial­wis­sen­schaft­lichen For­schungs­ar­beit. Wir sind So­zio­lo­gen, die seit mehreren Jahren die Ver­bin­dung von Tod und Ge­sell­schaft un­ter­suchen und – ne­ben vie­lem an­de­ren – zu die­sem Zweck auch den Fried­hof un­ter die Lu­pe neh­men. Auf die­ser Seite, die stän­dig aus­ge­baut wird, möch­ten wir einen Ein­blick in un­se­re Ar­beit bie­ten. Da­zu ge­hört ne­ben ver­schie­de­nen Ele­men­ten der em­pi­ri­schen So­zial­for­schung (Feld­for­schung, In­ter­views, Do­ku­men­ten­ana­lyse) ins­be­son­de­re die Do­ku­men­tation, Ka­ta­lo­gi­sie­rung und Ana­lyse von Bild­ma­te­rial. Un­se­re Pro­jekt­archiv be­her­bergt ge­gen­wär­tig über 83.000 Fo­tos von über 1.100 Fried­höfen, von de­nen wir Ihnen hier re­gel­mäßig ei­ni­ge Bei­spie­le vor­stel­len. Wir hof­fen, dass un­se­re Seite für Sie in­ter­es­san­te Ein­blicke be­reit hält.