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17. Januar 2017

NEUE BUCHBESPRECHUNG

 

 

Nina Jakoby/Michaela Thönnes (Hg.) (2017): Zur Soziologie des Sterbens. Aktuelle theoretische und empirische Beiträge. Wiesbaden: Springer VS. € 29,99.

 

 

 

Die in Zürich entstandene Publikation der Herausgeberinnen Nina Jakoby und Michaela Thönnes versteht sich als „Beitrag, die Soziologie des Sterbens im wissenschaftlichen Diskurs prominenter zu platzieren“ – ein nachvollziehbares Anliegen, bedenkt man die vergleichsweise geringe sozialwissenschaftliche Aufmerksamkeit, die dem Sterben (als Körperpraxis) im Vergleich zum Tod (als Körperschicksal) entgegengebracht wird. Als prozesshaftes Phänomen gedacht, impliziert die Soziologie des Sterbens konsequenterweise auch „die Betrachtung von Verlust und Trauer der Nachwelt“, schließlich gibt es wenig Gründe, die individuelle Statuspassage Tod als Unterbrechung jener (fraglos sehr vielschichtigen) sozialpsychologischen Effekte zu verstehen, die sich bei Angehörigen im Kontext des Sterbens ihrer significant others ergeben und die sich nach deren Tod in spezifischen Trauer- und Gedenkaktivitäten niederschlagen. Mit den Worten der Herausgeberinnen: „Das Sterben und die Trauer der Nachwelt bilden soziale Phänomene, da sie den Verlust einer sinnhaften sozialen Beziehung anzeigen und zugleich in soziale Beziehungen eingebettet sind.“

 

Hier von einem „Verlust“ zu sprechen, ist indes mehr These als nüchterne Bilanz: Zeigen nicht Trauerhandlungen an, dass soziale Verbindungen durch den Tod eben nicht brachial, plötzlich und nachhaltig unterbrochen werden, sondern vielmehr langsam verebben? In der Trauer um einen verstorbenen Menschen aktualisiere ich dessen Präsenz nicht alleine durch Erinnerungsleistungen, die auf die Abgeschlossenheit der Beziehung (mehr oder minder deutlich) verweisen; ich kann ebenso gut trauern oder andere ritualisierte Handlungen ausführen, um die Verlustsemantik umzuinterpretieren. Nichts Anderes leisten religiöse Rituale, die den Tod nicht als Abschied, sondern als Mechanismus der Neuverortung von Seele oder Geist propagieren – inklusive der Option, manchmal sogar des Versprechens, dass ein Wiedersehen möglich ist. Nicht die Frage, ob derlei realistisch ist, ist soziologisch interessant, sondern die Tatsache, dass es weite Personenkreise gibt, die sich am Narrativ der Todesüberbrückbarkeit orientieren und darin eine Quelle der sinnhaften Verarztung des Trauerschmerzes entdecken können. In diesen Fällen steht Trauer nämlich für eine gänzlich andere Haltung zum Tod einer geliebten Person als dort, wo Sozialität unabdingbar an die lebendige Kopräsenz von Akteuren gekoppelt ist.

 

Dass Sterbeverläufe eine hohe Diversität aufweisen, versucht der Beitrag von Allan Kellehear über „Current social trends and challenges for the dying person“ abzubilden. Kellehear listet dominierende gesellschaftliche Trends auf, die das Sterben beinflussen und verändern; zuletzt hält er fest, was in der Soziologie auch schon Talcott Parsons thematisiert hat: Die Gegenwart des Sterbens wirkt ‚ziellos‘, insofern es gesellschaftlich nicht gelingt, eine positive oder wenigstens neutrale Bewertung des Sterbens und des Todes zu etablieren.

 

In weiteren Beiträgen ist zu erfahren, zu welchen Widersprüchen und kritischen Reflexionen die Tendenz zur „Sterbeoptimierung“ gesellschaftlich führt (Nina Streeck) und welche Implikationen das Zuhause-Sterben im Kontext ambulanter Hospize aufweist (Stephanie Stadelbacher). Die unterschiedliche Lebenserwartung von Männern und Frauen wird im Hinblick auf soziale Ursachen beleuchtet, wobei sich die Mortalitätsrate als sozialer Konstruktionszusammenhang herausstellt (Corinna Onnen/Rita Stein-Redent). Aus der Feder von Jakoby und Thönnes stammt ein Beitrag zur symbolisch-interaktionistischen Komponente des Verhältnisses zwischen sterbenden Menschen und sie ‚begleitenden‘ Tieren; diese seien durchaus als „relevante[] Rollenträger“ zu begreifen, insbesondere vor dem Hintergrund der spezifisch komplexitätsreduzierten Interaktion zwischen Mensch und Tier, die im Sterbezusammenhang als Stabilisierungsfaktor dienen könne. Vor dem Hintergrund einer qualitativen Studie zu Fehl-und Totgeburten wird außerdem gezeigt, wie stark hier trotz, bzw. gerade wegen evidenter „Uneindeutigkeiten“ ordnende und normierende Faktoren zusammenspielen (Julia Böcker). Ferner geht es um den Wandel des kollektiven Totengedenkens im Lichte der Transformation von „Trägermedien“ und angesichts der Vision von sozialer Unsterblichkeit, wie sie etwa das Internet möglicherweise verheißt (Nils Meise).

 

Hervorzuheben ist der Beitrag von Rainer Schützeichel, der sich den „Sinnwelten des Trauerns“ professionsanalytisch annähert. Vor dem Hintergrund einer pluralen, weil deutungsabhängigen Gewichtung des Trauerns wird das Berufsfeld der Trauerarbeiter fokussiert. Wer Trauerarbeit betreibt, ist einerseits ‚nah dran‘ an einem lebensweltlichen Krisenherd und zugleich durch die professionalisierte Einbindung in diese Krise ‚weit weg‘. Die Nachfrage nach Trauerarbeit legt nahe, dass das Angebot, den Trauerschmerz und seine Begleiterscheinungen sachlich zu bearbeiten, auf Anklang stößt; zugleich aber geht es offenkundig nicht darum, mithilfe einer empathischen Expertenkultur Abstand zum Ursprung der Trauer zu nehmen, wie Schützeichel betont: „Wie soll man sich möglichst aktiv mit der als Bedrohung empfundenen Trauer auseinandersetzen, wenn diese Trauer doch das einzige ist, was einen mit einem geliebten Menschen verbindet und diesen Menschen gleichsam am Leben hält? […] Dies ist der tiefe Widerspruch, an dem die Professionalisierung der Trauerarbeit ansetzt und […] aus der Trauerarbeit eine Trauerbegleitung werden lässt.“ Ist die Trauer der anderen der Ausgang professionalisierten Handelns, sind spezifische Kommunikationsstrategien und normative Konzepte unabdingbar, was nicht ausschließt, sondern vielmehr bedingt, dass auch der explizite Verzicht auf Normativität zugunsten des Eingehens auf je spezifische Fallkonstellationen normative Züge annimmt.

 

In mehreren Texten spielt die Differenzierung des (vermeintlichen?) Gegensatzpaares ‚gutes Sterben‘ und ‚schlechtes Sterben‘ eine Rolle. Vielleicht ist es das zentrale Kennzeichen eines ‚modernen‘ Sterbediskurses, dass das Lebensende überhaupt an ‚Charakteristika‘ gewinnt: Nicht allein wer wann warum stirbt, sondern auch wie, markiert einen Reflexionszugewinn, auf den zu verzichten sich die Gesellschaft der Sterbenden wohl nicht mehr leisten wird – und deren Mitglied sind wir alle.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Grabstein des Monats

Januar 2017

 

Wir wün­schen un­se­ren Le­se­rin­nen und Le­sern ein schö­nes neues Jahr – mit spit­zer Fe­der und Schreib­tisch­un­ter­lage im An­schlag! Un­ser Grab­stein des Mo­nats prä­sen­tiert Uten­si­lien, die in Zei­ten der Tas­ta­tur nicht mehr ganz all­täg­lich sind. Über­le­bens­groß und den­noch ge­wis­ser­maßen rea­lis­tisch ge­stal­tet pran­gen sie am Gra­be eines Ehe­paares, dem ein ver­gleichs­weise lan­ges Le­ben ver­gönnt war. Ob es einer schrift­stel­le­ri­schen Tätig­keit ge­wid­met war, ob die bei­den pas­sio­nier­te Brie­fe­schrei­ber wa­ren, oder ob ein an­de­rer Kon­text hin­ter die­ser Ge­stal­tungs­va­rian­te steckt, lässt sich nicht sa­gen. Aber ein­mal mehr zeigt sich, dass mo­der­ne Grä­ber im­mer häu­fi­ger ein De­sign auf­wei­sen, das vom Ka­non der tra­di­tio­nel­len Dar­stel­lun­gen ab­weicht – und das da­mit einer Ruhe­stät­te Ein­zig­ar­tig­keit ver­leiht, selbst dann, wenn – wie hier – die ein­ge­bau­te Ver­satz­stücke an sich noch nicht sehr in­di­vi­duell da­her kom­men.

Unser neuestes Buch heißt:
»Die Zukunft des Todes«

Erschienen im Herbst 2016.

 

Es geht um eine interdisziplinäre Verortung der gesellschaftlichen Ent­wicklungen im Bereich Bestattung, Tod, Trauerkultur. Der Schwerpunkt liegt auf neuen Trends: Heimtiertod, ambulantes Hospiz, Tod und Internet, Individua­li­sie­rung, u.v.m. Das Buch bietet einen Überblick über den aktuellen wissenschaft­lichen Stand aus soziologischer, theologischer, kommunikationswissenschaftlicher und kulturhistorischer Perspektive.

Nähere Informationen hier.

 

»Insge­samt lie­fert Thorsten Benkel mit die­sem Sam­mel­band nicht nur zahl­reiche Weiter­füh­run­gen der bis­he­ri­gen Fach­lite­ra­tur zu Ster­be-, Todes- und Trauer­räu­men, son­dern da­rüber hin­aus auch ein Buch, das selbst wie­de­rum eine Viel­zahl an An­schluss­mög­lich­keiten für wei­tere For­sch­ungen lie­fert.« (Rezension bei Socialnet)

 

Herz­lich will­kom­men auf der Seite fried­hofs­so­zio­lo­gie.de! Sie fin­den hier eine Do­ku­men­ta­tion un­se­rer so­zial­wis­sen­schaft­lichen For­schungs­ar­beit. Wir sind So­zio­lo­gen, die seit mehreren Jahren die Ver­bin­dung von Tod und Ge­sell­schaft un­ter­suchen und – ne­ben vie­lem an­de­ren – zu die­sem Zweck auch den Fried­hof un­ter die Lu­pe neh­men. Auf die­ser Seite, die stän­dig aus­ge­baut wird, möch­ten wir einen Ein­blick in un­se­re Ar­beit bie­ten. Da­zu ge­hört ne­ben ver­schie­de­nen Ele­men­ten der em­pi­ri­schen So­zial­for­schung (Feld­for­schung, In­ter­views, Do­ku­men­ten­ana­lyse) ins­be­son­de­re die Do­ku­men­tation, Ka­ta­lo­gi­sie­rung und Ana­lyse von Bild­ma­te­rial. Un­se­re Pro­jekt­archiv be­her­bergt ge­gen­wär­tig über 56.000 Fo­tos von über 990 Fried­höfen, von de­nen wir Ihnen hier re­gel­mäßig ei­ni­ge Bei­spie­le vor­stel­len. Wir hof­fen, dass un­se­re Seite für Sie in­ter­es­san­te Ein­blicke be­reit hält.