Grabstein des Monats

Februar 2018

 

Dass der Friedhof zunehmend bunter wird, das zeigen unsere Funde immer wieder aufs Neue. Mit der Individualisierung des Totenackers gehen nicht zuletzt auch Effekte der Globalisierung und Migration einher. Für Menschen, die ihr Herkunftsland aus unterschiedlichen Gründen verlassen haben, stellt sich am Ende ihres Lebens einmal mehr Frage nach dem Ort ihrer Heimat. Ist Heimat dort, wo man geboren wurde und aufgewachsen ist? Dort wo man sich die längste Lebenszeit aufgehalten hat? Wo einen die meisten Leute kennen? Wo man die schönsten Momente erleben durfte? Oder etwa dort, wo man seine letzten Lebensjahre verbracht hat? Gerade wenn es darum geht, einen geeigneten Beisetzungsort zu finden, drängen sich solche Überlegungen auf. Was bedeutet es vor diesem Hintergrund, sich in Heimaterde bestatten zu lassen?

 

Es lässt sich jedenfalls feststellen, dass Beisetzungen immer häufiger nicht mehr im Herkunftsland stattfinden, sondern im Migrationsland, in dem sich das Leben (größtenteils) abgespielt hat. Auf manchen Friedhöfen gibt es mittlerweile sogar eigene Felder, auf denen Menschen einer bestimmten Kultur-, Religions-, oder Nationenzugehörigkeit mit entsprechenden Ritualen und besonderer Grabästhetik bestattet werden können. Auf diese Weise findet die kulturelle Vielfalt, die die moderne Gesellschaft prägt, auch post mortem eine Fortsetzung. 


NEUE BUCHVORSTELLUNG:

 

Julia Cornelia Olejnik (2016): ,Tote begraben und Trauernde trösten.‘ Haustiere in der Sepulkralkultur: Entwicklung und Bedeutung für die Tiermedizin. Göttingen: Cuvillier.

 

Das Miteinander von Mensch und Tier geht auf eine lange Kulturgeschichte zurück. Zu unterschiedlichen Zeiten und an unterschiedlichen Orten haben sich unterschiedliche Menschen zu unterschiedlichen Tieren unterschiedlich verhalten. Schon deshalb fällt es schwer, von ›der‹ Mensch-Tier-Beziehung zu sprechen, und schon deshalb lohnt ein genauerer analytischer Blick – den sich die interdisziplinär ausgerichteten Human-Animal Studies seit einigen Jahren zur Aufgabe gemacht haben.

 

An Problemstellungen für die Wissenschaft mangelt es jedenfalls nicht; entsprechend facettenreich fällt die Palette bisheriger Arbeiten aus, etwa zu den Themen Jagd, Schlachtung, Fleischkonsum, Massentierhaltung, Tiere in Literatur, Kunst und Forschung, Tierschutz, und vieles mehr. Man kommt dabei nicht umhin, auch ethische Fragen zu tangieren, das anthropozentrische Weltbild zu hinterfragen, und sich der (sozial hergestellten) Grenzziehung zwischen Mensch und Tier sowie den wirksamen Macht-, Herrschafts-, Gewalt- und Ausbeutungsstrukturen, die die Koexistenz von Menschen und Tieren prägen, theoretisch wie empirisch anzunähern. Die Vielfalt der zu bearbeitenden Felder zeigt sich nicht zuletzt anhand der Fülle an Publikationen, die aktuell zum Mensch-Tier-Kontext vorliegen bzw. entstehen. Das ist keinesfalls selbstverständlich, denn lange Zeit wurden Tiere als Kulturwesen und Bestandteil der sozialen Welt kaum ernst genommen und insbesondere von den Sozialwissenschaften weitgehend ignoriert.    

 

Möchte man einen weiteren Schauplatz human-animalischer Verhältnisse herausgreifen, an dem sich zuletzt erstaunliche Veränderungen abgezeichnet haben, so fällt recht schnell der Relevanzzuwachs von Heimtieren ins Auge. Letztere bilden in der Alltagswelt vieler Besitzer einen unentbehrlichen Bestandteil; sie prägen deren Lebensstil und werden verstärkt als Sozialpartner wahrgenommen, die durchaus menschliche Eigenschaften, Kompetenzen und Rollen attestiert bekommen. Die Entstehung und Ausdifferenzierung eines beträchtlichen Marktes für Heimtierbedarf ist eine Folge dieser Entwicklung.

 

Welchen Stellenwert ihr animalischer Gefährten für viele Besitzer hat, wird vor allem dann offenkundig, wenn sein Leben endet. Nicht selten handelt es sich um ein höchst krisenhaftes Ereignis, das analog zum Tod eines geliebten Menschen spezifische Trauerreaktionen forciert. Diese kommen etwa in dem gewachsenen Bedürfnis nach einer ›würdevollen‹ Bestattung zum Ausdruck, die den eigenen Empfindungen gerecht wird und eine Alternative zu den erbarmungslosen Prozeduren der Tierkörperverwertung verspricht. Ein Resultat ist die Errichtung einer Vielzahl von Tierfriedhöfen in den vergangenen Jahren – eine Entwicklung, die übrigens im bemerkenswerten Kontrast zur gegenwärtigen Stagnation von Menschenfriedhöfen steht (deren ›Platzprobleme‹ sich inzwischen nicht mehr in einem Zuwenig, sondern einem Zuviel äußern). Zwar gibt es Tierfriedhöfe in Europa schon seit mehr als 100 Jahren, indes lässt sich einerseits ein sukzessiver Funktionswandel von eher pragmatischen hin zu emotionalen Motiven erkennen, zum anderen sind Nachfrage und Verbreitung so hoch wie nie zuvor. Sogar die gemeinsame Bestattung von Mensch und Tier, die bereits in prähistorischer Zeit praktiziert wurde (wenn auch aus ganz anderen Gründen), ist in Deutschland mittlerweile auf einigen Friedhöfen möglich, sofern bestimmte Auflagen eingehalten werden.  

 

Aller Pluralisierungs- und Liberalisierungstendenzen zum Trotz, stoßen die Trauer um ein verstorbenes Heimtier und die sie begleitenden Rituale nicht überall auf Verständnis, sondern werden zum Ausgangspunkt von privaten oder öffentlichen Kontroversen. Kann/darf/muss man den Verlust eines Tieres mit dem Verlust eines Menschen vergleichen? Oder manifestiert sich die normative Grenzziehung zwischen der menschlichen und der tierischen Spezies nicht gerade in dem Umstand, dass Menschen nach geltender Rechtslage in jedem Fall bestattet werden müssen, Tiere hingegen lediglich bestattet werden können? Ist mit einem toten Menschenkörper (Leichnam) also per se anders umzugehen als mit einem toten Tierkörper (Kadaver)? Und wer soll letztlich über diese Fragen entscheiden?

 

Auch wenn sich nicht leugnen lässt, dass die Trauer um ein verstorbenes Heimtier als Gesellschaftsphänomen faktisch existiert, und sich die zeitgenössischen Ausdrucksformen stark an der ›humanistischen Sepulkralkultur‹ orientieren – der Besuch des einen oder anderen Tierfriedhofs genügt, um zu dieser Auffassung zu gelangen –, kann (noch?) nicht davon ausgegangen werden, dass sie einen legitimen Platz in der Gesellschaft gefunden hat. Neben den ›verwaisten‹ Besitzern bekommen das auch jene Akteure zu spüren, für die die Verwaltung des Heimtiertodes zum Berufsalltag gehört. Insbesondere Tierärzte erhalten dabei insofern eine Schlüsselrolle, als sie nicht nur die Gesundheit ihrer animalischen Patienten regulieren, sondern meist auch deren Lebensende begleiten – bzw. auf kontrollierten Wegen herbeiführen, indem sie sterbenden Tieren, denen ›nicht mehr anders zu helfen ist‹, eine letale Narkosedosis verabreichen). Ihre bislang noch weitgehend unerforschte Rolle als ›Sterbebegleiter‹ und die damit verbundene Konfrontation mit den Reaktionen der Halter wird die veterinärmedizinische Ausbildung nach gegenwärtigem Stand offenbar nicht gerecht. Daraus ergeben sich wiederum Unsicherheiten im angemessenen Umgang mit (bisweilen emotional überforderten und überfordernden) Tierbesitzern.

 

Die damit angesprochene Diskrepanz bildet die Ausgangslage der tiermedizinischen Dissertation von Julia Olejnik. Mit ihrer Arbeit möchte sie »die historische Entwicklung, die gegenwärtige Situation und die künftige Bedeutung des Themenkomplex ›Mensch-Tier-Tod-Trauer‹ für die Tiermedizin« dokumentieren. Dieses Versprechen löst die Autorin, so viel sei bereits verraten, ein. Im Vordergrund stehen die veränderte Relevanz des Heimtiertodes und die Konsequenzen für den Veterinärberuf: Was also können »Tierärztinnen und Tierärzte, neben dem Einsatz palliativ-medizinischer Maßnahmen und der schmerzfreien Tötung eines Tieres, in der Zeit ante und post mortem animalis für die Tierbesitzer in Form von Beratung zur Trauerbewältigung und Erinnerungskultur beitragen«? Auf dem Weg zur Beantwortung dieser Frage darf sich der Leser auf eine umfassende Aufarbeitung der animalischen Sepulkralkultur freuen – sowohl in ihren historischen Dimensionen (globale Geschichte der Tierbestattung seit der Steinzeit) als auch in ihren gegenwärtigen Ausprägungen (neueste Entwicklungen im Feld der Trauer um Heimtiere) und auch hinsichtlich ihrer Zukunftsperspektiven (Nachholbedarf der Forschung und Lehre – vor allem im deutschsprachigen Raum). Ferner werden einige Seitenblicke gewagt, z.B. auf das gesellschaftliche Verhältnis zum Tod allgemein, auf den Bedeutungswandel der Hundehaltung (vom »Luxushund« zum »Compagnion Animal«) oder auf die rechtliche Position von Tieren.

 

Mit dieser Publikation liegt eine detailreiche (größtenteils deskriptive) Zusammentragung des nationalen wie internationalen Forschungsstandes vor. Detaillierte Auseinandersetzungen mit bestehenden Theorien sollten nicht erwartet werden, dafür aber trumpft das Buch mit zahlreichen älteren und neueren empirischen Studien (überwiegend aus dem anglophonen Sprachraum) auf, deren Tradierbarkeit auf die derzeitige Situation in Deutschland natürlich zu überprüfen wäre. Die Verfasserin ergänzt ihre Ausführungen mit diverse Abbildungen (z.B. von historischen Knochenfunden und modernen Tiergrabmalen) und Tabellen (etwa eine Auflistung aller zurzeit bestehenden Tierfriedhöfe in Deutschland). Wer sich momentan wissenschaftlich mit Mensch-Tier-Verhältnissen im Allgemeinen und dem Heimtiertod im Besonderen befasst, findet in diesem Buch ohne Zweifel wertvolle Informationen. Diese in so akribischer Form recherchiert zu haben, ist ein Verdienst der Autorin. Wem zunächst ein grober Überblick genügt, der sei auf die kompakten Zusammenfassungen am Ende eines jeden Kapitels verwiesen.

 

Der weite Bogen, den das Buch von den kulturgeschichtlichen Anfängen bis hin zu praktischen Konsequenzen und Empfehlungen für die künftige Forschung und Lehre spannt, macht es für eine breite Leserschaft zugänglich. Studierenden der Veterinärmedizin und praktizierenden Tierärzten kann es ebenso empfohlen werden wie anderen Berufsvertretern, die durch ihre Mitwirkung und/oder Mitentscheidung an der Gegenwart und Zukunft des Heimtiertodes beteiligt sind (Trauerbegleiter, Bestatter, Friedhofsverwalter, Politiker etc.). Die Lektüre lohnt sich aber auch für alle anderen Interessierten, die mehr über die kulturellen Hintergründe des Umgangs mit dem Heimtiertod wissen möchten.


Grabstein des Monats

Januar 2018

 

Wir wünschen unse­ren Leser­innen und Lesern ein schönes und vor allem leben­diges neues Jahr! Wie ließe sich ein solcher Wunsch bes­ser illus­trie­ren, als mit Zwei­sam­keit, Sonnen­strahlen – und einem Frosch? Ob die Sonne vor die­sem Pärchen unter- oder doch viel­leicht auf­geht, soll hier nicht ent­schie­den wer­den. Trös­ten­der erscheint da schon die durch­aus posi­tiv gestimmte Mine des amphi­bischen Beob­achters – zumal Frösche in ver­schie­denen Kul­tu­ren als Glücks­bringer und sogar als Frucht­bar­keits­sym­bole ange­sehen wer­den. In die­sem Sinne wün­schen wir Ihnen allen ein viel­fach erfolg­reiches 2018!


UNSER AKTUELLES FORSCHUNGSPROJEKT AN DER UNIVERSITÄT PASSAU:

 

Die Pluralisierung des Sepulkralen

Drittmittelgefördertes empirisches Forschungsprojekt am Lehrstuhl für Soziologie der Universität Passau

 

Der Tod eines nahestehenden Menschen führt in der Lebenswelt seiner Angehörigen meist zu heftigen Erschütterungen. Dabei wird der Verlust mit emotionalen Reaktionen beantwortet, in erster Linie mit Trauer. Die Soziologie versteht Trauer als Kulturprodukt, das nicht unabhängig von sozialen Normen, Werten und Deutungsmustern gedacht wer­den kann. Im so­ziologischen Fokus steht darum die Gemeinschaft, die den Verlust eines Mitgliedes zu bewältigen hat. Die genauere Betrachtung zeigt: Der Tod ist nicht nur eine biologische, sondern auch und vor allem eine soziale Tatsache – und mit Trauer verbun­den ist immer auch das Andenken und Erinnern sozialer Verhältnisse.

Die Art und Weise, wie Menschen sterben, wie sie bestattet, betrauert und erinnert werden unterliegt dem gesellschaftlichen Wandel und lässt sich längst nicht mehr ver­bind­lich bestimmen. So vielschichtig wie die einzelnen Lebensentwürfe heutzutage sind, so facettenreich ist auch der Umgang mit dem Lebensende geworden. Dabei lässt sich eine allmähliche Loslösung von traditionellen Konzepten beob­achten. Das Suchen und Finden von eigenen Trauer­stra­te­gien, die sich sowohl hinter, als auch auf den Ku­lis­­sen der Öffent­lich­keit abspielen kön­nen, gehört zu den Anforderungen in der modernen Gesell­schaft. Mit dem Schwinden von sozialer Kontrolle wächst der individuelle Entscheidungsspielraum  - und mit ihm mehren sich die Möglichkeiten, ein autonomes Trauerverhalten darzulegen.

Aufbauend auf theoretische und empirische Vorarbeiten zum Kontext Tod und Ge­sell­schaft und zum Wandel der Bestattungskultur nimmt das Projekt eine Soziologie der Trauer in den Fokus. Mit qualitativen Methoden der empirischen Sozialforschung wer­den die Ausdrucksweisen von und die Umgangsweisen mit Trauer vor dem Hintergrund der Pluralisierung von Sinnangeboten und angesichts der Individualisierung untersucht. Dabei werden u.a. folgende Fragen berührt:  

  • Durch welche Praktiken drückt sich Trauer aus und welche Funktion erfüllt sie?
  • Inwiefern unterliegen Trauerhandlungen der sozialen Kontrolle, inwiefern gibt es Gestaltungs­freiräume?
  • Welche Bedeutung haben Räumlichkeit, Materialität und Körperlichkeit im Zu­sam­menhang mit Trauer­?
  • Welche Bedeutung kommt dem Friedhof als Ort von Trauer und Erinnerung in der modernen Gesellschaft zu? In welchem Verhältnis steht er zu alternativen Räu­men der Trauer (z. B. dem Internet)?

Gerne kommen wir mit Berufsexperten und Betroffenen ins Gespräch, die ihre Sicht auf das Phänomen Trauer mitteilen und unsere Studie unterstützen möchten. Wir freuen uns auf Ihre Meldung unter: friedhofssoziologie [at] live.de


Unser aktuelles Buch heißt:
»Die Zukunft des Todes«

Erschienen im Herbst 2016.

 

Es geht um eine interdisziplinäre Verortung der gesellschaftlichen Ent­wicklungen im Bereich Bestattung, Tod, Trauerkultur. Der Schwerpunkt liegt auf neuen Trends: Heimtiertod, ambulantes Hospiz, Tod und Internet, Individua­li­sie­rung, u.v.m. Das Buch bietet einen Überblick über den aktuellen wissenschaft­lichen Stand aus soziologischer, theologischer, kommunikationswissenschaftlicher und kulturhistorischer Perspektive.

Nähere Informationen hier.

 

»Insge­samt lie­fert Thorsten Benkel mit die­sem Sam­mel­band nicht nur zahl­reiche Weiter­füh­run­gen der bis­he­ri­gen Fach­lite­ra­tur zu Ster­be-, Todes- und Trauer­räu­men, son­dern da­rüber hin­aus auch ein Buch, das selbst wie­de­rum eine Viel­zahl an An­schluss­mög­lich­keiten für wei­tere For­sch­ungen lie­fert.« (Rezension bei Socialnet)


 

Herz­lich will­kom­men auf der Seite fried­hofs­so­zio­lo­gie.de! Sie fin­den hier eine Do­ku­men­ta­tion un­se­rer so­zial­wis­sen­schaft­lichen For­schungs­ar­beit. Wir sind So­zio­lo­gen, die seit mehreren Jahren die Ver­bin­dung von Tod und Ge­sell­schaft un­ter­suchen und – ne­ben vie­lem an­de­ren – zu die­sem Zweck auch den Fried­hof un­ter die Lu­pe neh­men. Auf die­ser Seite, die stän­dig aus­ge­baut wird, möch­ten wir einen Ein­blick in un­se­re Ar­beit bie­ten. Da­zu ge­hört ne­ben ver­schie­de­nen Ele­men­ten der em­pi­ri­schen So­zial­for­schung (Feld­for­schung, In­ter­views, Do­ku­men­ten­ana­lyse) ins­be­son­de­re die Do­ku­men­tation, Ka­ta­lo­gi­sie­rung und Ana­lyse von Bild­ma­te­rial. Un­se­re Pro­jekt­archiv be­her­bergt ge­gen­wär­tig über 60.000 Fo­tos von über 1000 Fried­höfen, von de­nen wir Ihnen hier re­gel­mäßig ei­ni­ge Bei­spie­le vor­stel­len. Wir hof­fen, dass un­se­re Seite für Sie in­ter­es­san­te Ein­blicke be­reit hält.