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Letztes Update dieser Seite:

22. September 2017

Grabstein des Monats

September 2017

 

Musik ist auf dem Fried­hof immer häu­fi­ger im Spiel. Vor allem die klas­si­schen In­stru­men­te und For­men fin­den auf dem Toten­acker zu­neh­mend stei­ner­ne und bild­haf­te Re­prä­sen­ta­tio­nen. Neben der per­sön­lichen Be­deu­tung, die die Musik für die ein­zel­nen Le­bens­wel­ten der Ver­stor­be­nen ge­habt haben mag, wei­sen mu­si­ka­lische Re­fe­ren­zen noch einen weite­ren Vor­teil auf: Musik ist eine Facette, die – an­ders als etwa die Reli­­gion und ent­sprechen­de Sym­bo­le – als eine aus­schließ­liche po­si­ti­ve Kul­tur­leis­tung gilt. Ganz gleich, ob es um E-­Dur, c-­Moll oder um Musik ganz ohne Ton­­art geht!

Grabstein des Monats

August 2017

 

Dass der Friedhof Geschichten erzählt, ist sicher nichts Ungewöhnliches. Diesen Ruf hat er nicht nur den modernen Gräbern zu verdanken, die auf unterschiedliche Weise aus den etablierten Traditionen heraustreten, sondern natürlich auch den älteren Ruhestätten, die schon seit etlichen Jahrzehnten bestehen. Zu dieser Kategorie zählt auch unser aktueller Grabstein des Monats: Auf den Friedhöfen vieler Küstenstädte finden sich heute noch gut erhaltene (oder zwischendurch restaurierte) Grabmahle von Seefahrern. Schnell merkt man, dass solche maritimen Denkmäler nicht eben schweigsam, sondern geradezu geschwätzig daherkommen und bisweilen recht abenteuerliche Geschichten parat halten. So auch in diesem Fall: Man sichtet nicht nur Geburts- und Sterbedatum sowie das schon fast obligatorische Schiff, sondern erfährt obendrein einiges über den Lebenslauf des hier zur letzten Ruhe gebetteten Kapitäns. Sein Stein berichtet von Schiffsreisen an die Westküste Südamerikas, nach Mexiko und Australien, von der Gefangenschaft nach dem ersten Weltkrieg – und von der Heimkehr zu Gattin und Kindern. In Zeiten, in denen die Urnenbeisetzung im Meer nicht nur für Seeleute, sondern auch für Landratten zur populären Alternative geworden ist, verleihen derartige Grabsteine, die unter Denkmalschutz stehen und für die auch Patenschaften übernommen werden können, dem Friedhof hohen kulturhistorischen Wert. Sie sind Zeugen individueller Schicksale und geben zugleich Auskunft über regionale Besonderheiten. 

Grabstein des Monats

Juli 2017

 

Anstelle der individualisierten Grabgestaltungen, die Sie sonst an dieser Stelle bestaunen können, ist unser Grabstein des Monats Juli verhältnismäßig spartanisch. Lediglich die Namen der Verstorbenen und ihre Lebensdaten sind zu sehen; weitere Details werden nicht genannt. Wer weiß, womöglich wird dieser Reduktionismus die Wandlungstendenzen in der Bestattungskultur als »klassisches« Konzept überdauern? Denkbar ist auch, dass das schlichte Design irgendwann eine Renaissance erfährt und zum wiedergeborenen Trend wird. Gleichwohl ist es nicht unwahrscheinlich, dass dieses Modell in einiger Zeit eher zu den älteren Gestaltungsvarianten gezählt werden wird – gerade deshalb, weil es nicht berichtet, wer hier liegt und welche Lebensleistungen sich mit den gezeigten Namen verbinden lassen. Wer weiß, vielleicht war Herr Bourdieu sogar ein berühmter Wissenschaftler? Das wird den Friedhofsspaziergängern, die die Muse finden, kurz an seiner Ruhestätte inne zu halten, nicht verraten.

Grabstein des Monats

Juni 2017

 

Für unseren aktuellen Grabstein des Monats wagen wir uns in die Höhle des Löwen! Denn nicht nur in der fernen afrikanischen Steppe oder im etwas näher gelegenen Zoo kann man den ,König der Tiere‘ bestaunen – auch auf dem Friedhof ist er ein gern gesehener Gast, der unter allen Tiergattungen, die man hier in Stein verewigt findet, buchstäblich einen Löwenanteil ausmacht. So unterschiedlich Lebensweisen heute sind, so unterschiedlich ist auch die Bedeutung die dem Löwen an diesem Ort zukommen kann. Ob als Fabelwesen, Sternzeichen, Kinoheld, Wappentier, als Verkörperung eines Sehnsuchtsortes oder schlichtweg als Symbol für menschliche Attribute (Tapferkeit, Willenskraft, Macht, Selbstbewusstsein etc.) – solche Darstellungsvarianten verraten etwas über denjenigen, der hier seine ,letzte Ruhe‘ gefunden hat.

Grabstein des Monats

Mai 2017

 

Ge­ne­ra­tio­nen­un­ter­schie­de las­sen sich nicht nur aus Jah­res­zah­len, son­dern auch von Sym­bo­len ab­lei­ten. Un­ser Bei­spiel zeigt die – gar nicht so sel­te­ne – Ten­denz, ne­ben den Na­men und die Le­bens­da­ten ein Zeichen bzw. eine Ab­bil­dung zu plat­zie­ren, die einer­seits die Per­sön­lich­keit der Ver­stor­be­nen sinn­bild­lich ver­deut­lichen. An­de­rer­seits han­delt es sich um eine Stra­te­gie, die auf kom­pak­te Weise Un­ter­schie­de zwi­schen »Le­bens­füh­rungs­pro­ze­du­ren« her­vor he­ben: wäh­rend bei Va­ter und Mut­ter Eisen­bahn und Woll­knäuel noch für tra­di­tio­nel­le, auch ge­schlech­ter­typi­sche Frei­zeit­be­schäf­ti­gun­gen ste­hen, ist der eben­falls hier be­er­dig­te Sohn durch die Kap­pe ge­kenn­zeich­net. Sie ist we­ni­ger spe­zi­fisch, son­dern viel­mehr ein Sym­bol von Ju­gend­lich­keit schlecht­hin – Rai­ner war, so scheint der Grab­stein zu be­sa­gen, auch mit 64 Jahren vor al­lem dies: ein Sohn.

NEUE BUCHBESPRECHUNG

 

Michael Schetsche / Renate-Berenike Schmidt (Hg., 2016):
Rausch – Trance – Ekstase. Zur Kultur psychischer Ausnahmezustände. Bielefeld: Transcript.

 

Seit jeher und in allen Kulturen haben Menschen es verstanden, sich auf unterschiedlichen Wegen in rauschhafte Bewusstseinszustände zu versetzten. Rausch mitsamt seiner (un-)intendierten Folge-erscheinungen ist damit fester Bestandteil des sozialen Lebens. Wer sich im Rausch befindet, der verlässt für einen unbestimmten, aber begrenzten Zeitraum die gewohnten Bahnen seines Alltags. Was berauschend wirkt (eine Substanz, ein Gedanke, eine Berührung, ein Ritual oder etwas gänzlich anderes) und wie Rausch subjektiv erlebt bzw. kulturell gedeutet wird (z.B. als Lifestyle, Optimierung, Selbstreinigung, Heilung, Inspiration, Entspannung, Spiritualität, Besessenheit, Risiko, Irritation, Störung, Gefahr, Leichtsinn, Krankheit, Kriminalität, Stigma usf.), hängt von unterschiedlichen Aspekten ab. 

Ob vorsätzliche Herbeiführung oder unerwartetes Widerfahrnis, ob legitimes oder illegitimes Lebensweltelement, ob singuläres Abenteuer oder regelmäßige Alltagsflucht, ob individuelle oder kollektive Erfahrung: Rausch lässt sich nicht losgelöst von normativen Ordnungen denken. Das gilt nicht zuletzt für die Moderne, die sich gemeinhin durch eine Zunahme von Selbstkontrolle und der Sanktionierung ihres Verlustes auszeichnet. Wer vom Rausch spricht, der verweist damit implizit auch auf die Vorstellung von Normalität und Moral, was zeigt, dass man es hier nicht lediglich mit einem körperlichen bzw. emotionalen Ausnahmezustand zu tun hat, sondern auch und vor allem mit einem Produkt gesellschaftlicher Transformation.

Die Frage, „wie Individuum und Gesellschaft zu verschiedenen Zeiten und in unterschiedlichen Kontexten mit außergewöhnlichen Bewusstseinszuständen – legitim wie illegitimen – umgegangen sind“ und unter welchen Bedingungen solche Bewusstseinszustände akzeptiert und sanktioniert werden, wird in dem von Michael Schetsche und Renate Berenike Schmidt herausgegebenen Band „Rausch. Trance. Extase“ spannungsreich ausgelotet. Ein flüchtiger Blick in dessen Inhaltsverzeichnis verrät: Während sich ein paar wenige Artikel explizit auch mit Trance und Ekstase befassen, dominieren die Auseinandersetzungen mit den Facetten des Rauschs.

So vielfältig das Phänomen anmutet, so umfangreich fallen die gesellschaftlichen Felder aus, in denen Rausch, aber übrigens auch Zustände der Trance oder der Ekstase relevant sein können: Kunst, Sport, Religion, Wirtschaft, Politik, Medizin, Psychologie, Recht, Massenmedien etc. Wie das Buch deutlich macht, nimmt sich seit geraumer Zeit auch die Wissenschaft des Rausches an und wirft dabei interessante Fragen auf. Aus jeweils unterschiedlicher Perspektive blicken die Beiträger auf diverse Rauschkontexte: z.B. Sexualrausch, Einsatz von Rauschmitteln in Kriegssituationen, Alkoholkonsum in der DDR, (inter-)nationale Drogenpolitik, sowie Rausch im Kontext von Musik, Tanz, Kunst oder Religion. Bei all dem wird auf beeindruckende Weise evident, dass Rausch weit mehr ist, als es medizinische Klassifikationsbemühungen erahnen lassen. Denn erst vor dem Hintergrund zeitgenössischer gesellschaftlicher Diskurse lässt er sich wirklich verstehen. Dem Leser entfaltet sich somit ein weites Panorama. Ferner erhält er Einblicke in historische (Rausch in der griechischen Antike) und interkulturelle (Rausch im Sufi-Islam) Zusammenhänge.

Auf Höhe des aktuellen (kultur-)wissenschaftlichen Standes gelingt dem Sammelband eine multiperspektivische Reflexion dieses umfassenden Feldes. Auf diese Weise bietet er eine anspruchsvolle und zugleich unterhaltsame Reise in die außeralltägliche Welt des außeralltäglichen Bewusstseinszustands. Wer sich dafür interessiert, dem sei diese Lektüre ausdrücklich empfohlen!  

Grabstein des Monats

April 2017

 

Dreidimensionale Darstellungen von Körpern fehlen auf kaum einem Friedhof. Im Gegenteil: gerade sie sind es doch, die zur friedhofstypischen Atmosphäre wesentlich beitragen. Traditionell handelt es sich um imposante Engel-, Maria- oder Jesusfiguren, die beinahe majestätisch auf den Gräbern thronen. Während derartige Werke in erster Linie stilisierten, ästhetischen und symbolischen Konzepten folgen, sind es heute zunehmend auch die Verstorbenen selber, die an ihrer Ruhestätte als Denkmal aus Stein, Bronze, Messing etc. erscheinen. Im Vergleich zu ihren klassischen Vorläufern fallen viele von ihnen durch eine erstaunliche Lebendigkeits- und Alltagsnähe auf. Der Tote wird so gezeigt, wie sich seine Hinterbliebenen an ihn erinnern wollen, etwa in bestimmter Kleidung, in einer bestimmten Pose und/oder mit einem bestimmten Gesichtsausdruck. Dank seines lebensgroßen Abbildes  kann man so manchem Verschiedenen buchstäblich auf Augenhöhe begegnen – wie auch im vorliegenden Fall: ein freundlich dreinblickender Herr mit Mütze, Getränk und Zigarette. Solche mitunter recht aufwändigen Körperinszenierungen verleihen der letzten Ruhestätte Individualität und Wiedererkennungswert. Zugleich geht damit ein interessanter Trend einher: Der Verstorbene wird dort als Lebendiger dargestellt, wo sein Leichnam bestattet wurde. Man kann hierbei zwischen zwei Körpern des Toten unterscheiden: einem ersten Körper, womit die am Grab unsichtbar gemachte Leiche gemeint ist, und einem zweiten Körper, nämlich dem Körper der Erinnerung an eine lebendige Person.

Grabstein des Monats

März 2017

 

Die Berge und die See – be­lieb­te Na­tur­land­schaf­ten im Leben, und mitt­ler­weile auch nach dem Tod. Die Zu­sam­men­stel­lung wirkt auf den ers­ten Blick un­ge­wöhn­lich, zu­mal nach dem Berg­gip­fel nicht schlicht­weg Wel­len­gang, son­dern ein aus­ge­wach­se­ner Wal zu sehen ist. Für ge­wöhn­lich ist er eher unter Was­ser an­zu­tref­fen, um der Dar­stel­lung wil­len sehen wir ihn hier aber ober­halb. Die Gra­vur folgt jenen Trends, die auf dieser Web­seite be­reits seit Jah­ren ver­folgt wer­den: Sä­ku­la­re Sym­bo­le und Mo­ti­ve lösen re­li­giö­se ab; an­stel­le des Jen­seits­aus­blicks er­folgt ein Rück­blick auf Le­bens­leis­tun­gen und -ein­stel­lun­gen; und der "Grab­text" wird somit ge­ne­rell in­di­vi­duel­ler und per­sön­licher. Wer den Ver­stor­be­nen gut kannte, wird die Ver­bin­dung zwi­schen Berg, Wal und Bio­gra­fie iden­ti­fi­zie­ren kön­nen; und wem dies nicht gelingt, der kann nur er­ahnen, dass eine solche Ver­bin­dung besteht.

UNSER NEUES FORSCHUNGSPROJEKT AN DER UNIVERSITÄT PASSAU:

 

Die Pluralisierung des Sepulkralen

Drittmittelgefördertes empirisches Forschungsprojekt am Lehrstuhl für Soziologie
der Universität Passau

 

Der Tod eines nahestehenden Menschen führt in der Lebenswelt seiner Angehörigen meist zu heftigen Erschütterungen. Dabei wird der Verlust mit emotionalen Reaktionen beantwortet, in erster Linie mit Trauer. Die Soziologie versteht Trauer als Kulturprodukt, das nicht unabhängig von sozialen Normen, Werten und Deutungsmustern gedacht wer­den kann. Im so­ziologischen Fokus steht darum die Gemeinschaft, die den Verlust eines Mitgliedes zu bewältigen hat. Die genauere Betrachtung zeigt: Der Tod ist nicht nur eine biologische, sondern auch und vor allem eine soziale Tatsache – und mit Trauer verbun­den ist immer auch das Andenken und Erinnern sozialer Verhältnisse.

Die Art und Weise, wie Menschen sterben, wie sie bestattet, betrauert und erinnert werden unterliegt dem gesellschaftlichen Wandel und lässt sich längst nicht mehr ver­bind­lich bestimmen. So vielschichtig wie die einzelnen Lebensentwürfe heutzutage sind, so facettenreich ist auch der Umgang mit dem Lebensende geworden. Dabei lässt sich eine allmähliche Loslösung von traditionellen Konzepten beob­achten. Das Suchen und Finden von eigenen Trauer­stra­te­gien, die sich sowohl hinter, als auch auf den Ku­lis­­sen der Öffent­lich­keit abspielen kön­nen, gehört zu den Anforderungen in der modernen Gesell­schaft. Mit dem Schwinden von sozialer Kontrolle wächst der individuelle Entscheidungsspielraum  - und mit ihm mehren sich die Möglichkeiten, ein autonomes Trauerverhalten darzulegen.

Aufbauend auf theoretische und empirische Vorarbeiten zum Kontext Tod und Ge­sell­schaft und zum Wandel der Bestattungskultur nimmt das Projekt eine Soziologie der Trauer in den Fokus. Mit qualitativen Methoden der empirischen Sozialforschung wer­den die Ausdrucksweisen von und die Umgangsweisen mit Trauer vor dem Hintergrund der Pluralisierung von Sinnangeboten und angesichts der Individualisierung untersucht. Dabei werden u.a. folgende Fragen berührt:  

  • Durch welche Praktiken drückt sich Trauer aus und welche Funktion erfüllt sie?
  • Inwiefern unterliegen Trauerhandlungen der sozialen Kontrolle, inwiefern gibt es Gestaltungs­freiräume?
  • Welche Bedeutung haben Räumlichkeit, Materialität und Körperlichkeit im Zu­sam­menhang mit Trauer­?
  • Welche Bedeutung kommt dem Friedhof als Ort von Trauer und Erinnerung in der modernen Gesellschaft zu? In welchem Verhältnis steht er zu alternativen Räu­men der Trauer (z. B. dem Internet)?

Gerne kommen wir mit Berufsexperten und Betroffenen ins Gespräch, die ihre Sicht auf das Phänomen Trauer mitteilen und unsere Studie unterstützen möchten. Wir freuen uns auf Ihre Meldung unter: friedhofssoziologie [at] live.de

NEUE BUCHBESPRECHUNG

 

Reiner Sörries (2016):
Stirbt der Friedhof? Über das Dahinsiechen traditioneller Begräbniskultur. Frankfurt am Main: Fachhochschulverlag.

 

Der Friedhof der Gegenwart – ein sterbender Patient? So sieht es jedenfalls Reiner Sörries, der ihm mit seinem neuesten Büchlein, so könnte man meinen, die letzte Ölung geben will.

Der Friedhof blickt auf eine jahrhundertealte Kulturgeschichte zurück. Er ist nicht bloß Körperaufbewahrungsstätte, sondern erfüllt weitere Aufgaben, darunter auch gewissermaßen soziale Funktionen. Weil sich die Gesellschaft im permanenten Wandel befindet, haben auch Friedhöfe immer wieder ihr Gesicht verändert. Wer sich für die Besonderheiten einer Kultur interessiert, findet im Friedhof folglich eine wertvolle Erkenntnisquelle.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts zeichnen sich nun aber besonders auffällige Veränderungen auf dem Friedhof (aber auch an anderen Schauplätzen der Sepulkralkultur) ab. Gräber geben mehr über die Lebenswelten der Verstorbenen preis – werden aber auch insgesamt kleiner, nicht zuletzt aufgrund des Siegeszuges der Feuerbestattung. In der Folge wird die ungenutzte Friedhofsfläche größer; Friedhöfe haben dadurch weniger Einnahmen; und die Konkurrenz durch kommerziell geführte Bestattungswälder außerhalb der Friedhofmauern steigt. Auch die Bestattungspflicht auf dem Friedhof ist seit längerem in der Debatte; sie wird früher oder später fallen. Unter ökonomischen Gesichtspunkten steht der Friedhof damit vor großen Herausforderungen; und vielleicht mehr denn je besteht die Notwendigkeit der Intervention durch Innovation.

Gewiss: Je nach Perspektive kann man die Situation des Friedhofs unterschiedlich bewerten und benennen. In dem vorliegenden Buch spricht Sörries von einem „Dahinsiechen“; der Friedhof sei ein Patient, dem letztlich kaum mehr zu helfen ist. Hinter dieser Metapher steckt der Wunsch, das Publikum teilhaben zu lassen an Ergründungen darüber, wie der Friedhof in diese bedrohte Lage gekommen ist und wer die Schuld dafür trägt. Das Durchdeklinieren wird von Sörries konsequent bildersprachlich betrieben: Schuld könnten Altersschwäche, Krankheit, Unfall, Klimaveränderungen, Unachtsamkeit etc. sein.

Der Tonfall ist stellenweise salopp, gleichzeitig auch moralisierend und bewertend. Sörries bedient sich diverser Simplifizierungen, Allgemeinplätze und Pauschalurteile, um seine Position klar zu machen. Das bringt einen durchaus leserfreundlichen Effekt mit sich: Laien, die etwas über die Entwicklung der deutschen Friedhöfe in den letzten 200 Jahren und über die sie verändernden aktuellen Erscheinungen erfahren möchten, haben eine kompakte und bisweilen unterhaltsame Lektüre vor sich.

Aber als wissenschaftliche Publikation ist das Buch schlichtweg nicht ernst zu nehmen, da es weder theoretische Perspektiven entfaltet, noch unter methodologisch kontrollierten Bedingungen mit validen Erkenntnissen aufwartet, noch die empirischen Erkenntnisse aktuell erschienener Studien mitreflektiert. Da hilft auch die spärliche Literaturübersicht im Anhang nicht weiter.   

Dies alles räumt der Autor sogar selbst ein: „Das kleine Buch verzichtet bewusst auf einen wissenschaftlichen Apparat, wie sich das eigentlich für eine seriöse Studie gehört.“ Der freiwillige Verzicht bringt es mit sich, dass Sörries im Wesentlichen auf die anekdotische Evidenz rekurriert, die er aus seiner Zeit (immerhin fast ein Vierteljahrhundert) als Leiter des Museums für Sepulkralkultur in Kassel gewonnen hat.

Die Leitung eines Museums ist eine Sache, die Auseinandersetzung mit dem – nun ja durchaus recherchierbaren – aktuellen Forschungsstand (zu dem eben nicht nur wirtschaftliche Facetten des Friedhofs gehören) eine andere. Hier lässt der schmale Band seine Leser im Stich. Unter diesen Vorzeichen liest er sich wie eine allenfalls feuilletonistisch anmutende Wortmeldung eines über das Wohl des Friedhofes überaus Besorgten, der obendrein um zahlreiche Seitenhiebe gegenüber Fachkollegen und Berufspraktikern aus der Bestattungsbranche nicht verlegen ist. Hier und da darf man den Text mit einem Augenzwinkern rezipieren. Viel Neues erfährt man aber so oder so nicht.

Da ethische Direktiven heute nur mehr sehr bedingt mehrheitsfähig sind, darf das Moralunternehmertum des Autors gerne als persönliche Wortmeldung stehen bleiben. So düster wie Sörries in der Sache allerdings die Zukunft des Friedhofs anvisiert (in zwei von ihm selbst entworfenen ‚Todesanzeigen‘ gibt er ihm noch gut 10 Jahre), ist sie vermutlich nicht – zumindest dann nicht, wenn man die Perspektive ein wenig erweitert. Die Lage des Friedhofs hat sich zwar verändert; er hat sein Monopol verloren und ist nicht mehr der unumstrittene Ort der Trauer. Manch einer braucht ihn nicht und seine Reglementierungen machen ihn für viele unattraktiv. Aber aus all dem kann er lernen. Der Friedhof hat Potenzial, wenn er sich dem Zeitgeist anpasst, und hat dies in verschiedenen Städten durchaus schon unter Beweis gestellt. Die gesellschaftliche Pluralisierung und der Wunsch nach selbstbestimmter Trauer, um nur zwei Punkte zu nennen, müssen von flexiblen Friedhofsverwaltern aktiv aufgegriffen werden. Hinzu kommt: Trotz aller Alternativen, die fraglos zunehmen werden, wird es auch in Zukunft noch diejenigen geben, für die der Friedhof wichtig ist. Ohnehin bleibt abzuwarten, ob sich Konzepte wie Friedwald und Ruheforst langfristig behaupten können und inwiefern sie es schaffen, nicht am Widerspruch zwischen Innovationsgeist und der eigenen Normativität zerrieben zu werden. Zu bedenken ist ohnehin: In Ländern, in denen es keine Friedhofspflicht gibt, ist der Friedhof bislang auch noch nicht ausgestorben, sondern fungiert, soweit zu sehen ist, nach wie vor als zentrale Anlaufstelle für Bestattung, Trauer und Erinnerung.

Insgesamt bleibt Sörries‘ Position ambivalent und undurchsichtig. Er will, wie er schreibt, mit seinem Buch keine Rettungsvorschläge unterbreiten, da diese ohnehin zu spät kämen. Andererseits sei der Friedhof möglicherweise doch noch nicht ganz verloren und könne, welche Überraschung, sogar Selbstheilungskräfte entfalten. Wenn es also tatsächlich Aussicht auf Heilung gibt, bräuchte man dem Patienten doch nicht eine solch niederschmetternde Diagnose zu stellen. Selbst die titelgebende Frage, ob der Friedhof nun stirbt oder nicht, wird somit nicht wirklich beantwortet.

Wollte man dem Vorbild des Autors folgen und sich einer gewissen Polemik nicht verwehren, so kann man nach der Lektüre durchaus zu dem Schluss kommen, dass nicht der Friedhof ein Patient ist, sondern dieses Buch – und man möchte ihm angesichts der Länge der Krankenakte am liebsten gleich den Totenschein ausstellen.

Am Ende stellt sich die Frage: Sollte der Friedhof jemals sterben, wo wird er dann beigesetzt? Die Antwort kann nur lauten: Auf einem Friedhof! Aber soweit muss es ja nicht kommen. Denn Totgesagte leben bekanntlich länger.

Grabstein des Monats

Februar 2017